Wissenschaftsjahr 2014: Wohin steuert das Internet?

Wir lieben, leben und leiden im Netz. Dabei wirft der digitale Fortschritt Fragen auf. Auch die Forschung ist an dem Thema dran.

Wissenschaftsjahr 2014: Wohin steuert das Internet?
Julian Stratenschulte Wissenschaftsjahr 2014: Wohin steuert das Internet?

Ob «Neuland» oder nicht: Der Homo digitalis streift längst durch Deutschland. Stammtische finden sich bei Facebook & Co, der Internethandel mit Kleidung und Technik boomt, und Millionen von Smartphones versorgen die Menschen rund um die Uhr mit Neuigkeiten. Die Annehmlichkeiten des Netzes werfen bei Laien und Wissenschaftlern aber auch Fragen auf: Sind unsere Daten sicher? Werden wir klüger oder dümmer? Und vor allem: Was kann das Netz noch?

Diese Fragen stellt auch das Bundesforschungsministerium (BMBF) im Wissenschaftsjahr 2014. Es steht unter dem Motto «Die digitale Gesellschaft». Das Ministerium will die Deutschen anregen, zusammen mit Forschern zu diskutieren, wie das Netz der Zukunft aussehen soll. Es ist ein Thema, das die große Mehrheit in Deutschland betrifft.

Rund 55 Millionen Deutsche ab dem Alter von zehn Jahren sind nach einer Erhebung der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (Agof) vom Oktober 2013 regelmäßig online. Knapp 30 Millionen Menschen aus Deutschland tummelten sich nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Emarketer Ende 2012 in Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter.

Doch der deutsche Internetnutzer ist immer noch relativ jung: So surfen laut Agof zwar über 95,5 Prozent der 10- bis 39-Jährigen im Netz, bei den über 60-Jährigen ist der Anteil aber geringer. Lediglich 39,5 Prozent von ihnen sind regelmäßig online. Das BMBF will deshalb die Jungen und die Alten - die Digital Natives und die Digital Newcomer - an einen Tisch bringen.

Dabei soll die aktuelle Forschung zur «digitalen Gesellschaft» im Vordergrund stehen. Das Themenspektrum ist breit: «Wer forscht denn eigentlich noch an einer rein analogen Gesellschaft?», sagt Sascha Friesike vom Institut für Internet und Gesellschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Die meisten Gesellschaftswissenschaftler berühre die digitale Welt in irgendeiner Art.

Aktuell gebe es beispielsweise eine heiße Diskussion, nach welchen Grundsätzen in internationalen Online-Netzwerken inakzeptable Beiträge gelöscht werden sollten. Das Problem: In den Vereinigten Staaten sei zum Beispiel der Umgang mit Sexualität prüder als in Deutschland, hierzulande seien Gewaltdarstellungen verpönt. «Dieses Problem haben alle sozialen Netzwerke.» Es sei für Betreiber oft schwer zu beurteilen, was grenzwertige Beiträge von Nutzern in einer bestimmten Kultur bedeuten.

Auf den großen Tagungen zum Thema Digitale Gesellschaft werde immer wieder diskutiert, inwieweit Daten - beispielsweise Umweltdaten, Statistische Daten, Forschungsdaten - frei im Netz verfügbar sein sollten, schildert Klaus Tochtermann, Direktor der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften. Nach den NSA-Enthüllungen seien auch der Schutz der Privatsphäre sowie der Datenschutz stärker in de Fokus gerückt.

Forscher diskutieren laut Friesike außerdem, wie man Kinder und Jugendliche zu einem sparsamen Umgang mit den eigenen Daten erzieht. «Sie sind eine Generation, die niemals aufwachsen, ohne Datenspuren zu hinterlassen», sagt Friesike. Das stelle beispielsweise Lehrer vor eine Riesenaufgabe. Allerdings würden Kinder und Jugendliche ihren Erziehern beim Thema Internet selbstbewusst begegnen. «Die sagen: Ihr habt doch keine Ahnung von sozialen Netzwerken. So macht man das halt», erklärt Friesike.

Auch im politischen Berlin gewinnen Netz-Themen immer mehr an Relevanz. Der Bundestag richtet für netzpolitische Fragen erstmals einen ständigen Internet-Ausschuss ein. Dessen Mitglieder sollen das Parlament unterstützen: Die Gesetzgebung soll weiter an den Homo digitalis angepasst werden.