Zahl der Asylanträge steuert auf Allzeithoch zu

Die Zahl der Asylbewerber in Deutschland wird 2015 den bisherigen Höchststand aus den 90er Jahren bei weitem übersteigen. Der Bund hebt seine Flüchtlingsprognose voraussichtlich drastisch an, wie das «Handelsblatt» aus Regierungskreisen berichtete.

Demnach könnten dieses Jahr 650 000, womöglich sogar 750 000 Asylbewerber nach Deutschland kommen. Bislang hatte das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit rund 450 000 Asylanträgen gerechnet.

Deutschlands Behörden hatten 1992 mit etwa 440 000 Asylanträgen den bisherigen Rekordstand gezählt. Die Zahlen gingen dann - auch wegen verschärfter Asylgesetze - stark zurück bis auf Werte von etwa 30 000 Asylanträgen in den Jahren 2006 bis 2009.

Seitdem stiegen die Zahlen angesichts vieler internationaler Krisen aber wieder kräftig - zuletzt in rasanten Sprüngen. 2013 gab es in Deutschland rund 127 000 Asylanträge, 2014 dann gut 200 000 und 2015 nun womöglich mehr als drei Mal so viel.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte, es sei gut, dass sich die Regierung mit neuen Zahlen ehrlich mache. «Das Innenministerium ist viel zu lange von zu geringen Zahlen ausgegangen», kritisierte sie.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) will die neue Prognose am Mittwoch in Berlin vorstellen. Das Ministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wollten sich am Dienstag auf dpa-Anfrage nicht zu dem «Handelsblatt»-Bericht äußern und vertrösteten bis zur offiziellen Verkündung der Zahlen.

De Maizière hatte in der vergangenen Woche aber bereits angekündigt, die Bürger müssten sich darauf einstellen, dass die Flüchtlingszahl «erheblich höher sein wird, als wir sie bisher vorhergesagt haben». Und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte bereits eine Zahl von «600 000 und mehr» ins Gespräch gebracht.

Die bayerische Landesregierung erhöhte ihre Prognose am Dienstag bereits und rechnet nun damit, dass in diesem Jahr zwischen 90 000 und 110 000 Asylbewerber in Bayern untergebracht werden müssen.

Allein im ersten Halbjahr baten rund 180 0000 Menschen in Deutschland um Asyl - vor allem aus Krisenländern wie Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea, aber auch sehr viele aus Balkanstaaten wie Kosovo, Albanien oder Serbien. Die genaue Statistik für Juli liegt zwar noch nicht vor. Das BAMF verkündete aber bereits, im Juli seien so viele Asylbewerber ins Land gekommen wie noch nie zuvor in einem Monat.

Länder und Kommunen klagen seit Monaten, dass sie kaum wissen, wie sie mit den wachsenden Flüchtlingszahlen fertig werden sollen. Asylbewerberunterkünfte sind überall in Deutschland überfüllt. Auch das BAMF, das alle Asylanträge bearbeitet, ist schwer überlastet. Deutlich mehr als 200 000 unerledigte Anträge haben sich dort angestaut. Das Bundesfinanzministerium kündigte am Dienstag an, dass kurzfristig 50 Zollbeamte für bis zu sechs Monate abgeordnet werden, um das Bundesamt beim Abarbeiten der Anträge zu unterstützen.

Mit Blick auf die hohen Asylbewerberzahlen in Deutschland erklärte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, er wolle Deutschland bei der Verteilung von Flüchtlingen entlasten. «Wir müssen die Verantwortung auf mehr Schultern in Europa verteilen. Es ist langfristig nicht tragbar, dass nur zwei EU-Länder - Deutschland und Schweden - mit leistungsfähigen Asylstrukturen die Mehrheit der Flüchtlinge aufnehmen», sagte Guterres der «Welt».