Ziel: «Almanja, Germany»

Erschöpft überqueren Tausende Flüchtlinge zu Fuß die Grenze von Ungarn nach Österreich. Einige können sich auf ihrem Marsch am frühen Samstagmorgen nur noch mit letzter Kraft auf den Beinen halten.

Auffallend viele Menschen humpeln, etliche sind nur mit Sandalen, kurzen Hosen und Hemden bekleidet. Viele sind unterkühlt.

«Wir haben etliche medizinische Notfälle verzeichnet», sagt Walter Grashofer vom österreichischen Roten Kreuz. In dem Flüchtlingstreck sind auch zahlreiche Frauen mit Kindern dabei. Alle sind verunsichert. Doch sie eint die Hoffnung auf ein besseres Leben.

«Ich stehe direkt an der Grenze zu Ungarn und schaue hinunter. Die Ströme, die raufkommen, die reißen derzeit nicht ab», zitiert die Agentur APA Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil am frühen Morgen.

In Dutzenden Bussen waren die Flüchtlinge bis ins Grenzgebiet gebracht worden. «Was geschieht nun mit uns? Müssen wir uns registrieren lassen? Müssen wir ins Lager?» Ein junger Mann, der sich als Jussuf aus Syrien vorstellt, spricht aus, was viele Flüchtlinge an diesem regnerischen Morgen bewegt. Englisch sprechen nur wenige, das Wunschziel können die meisten jedoch nennen: «Almanja, Germany».

Dabei werden sie nach den Strapazen in Ungarn, wo sie teilweise tagelang am Budapester Ostbahnhof ausharren mussten, in Österreich mit offenen Armen empfangen. Etliche Dutzend Einsatzkräfte stehen parat, um die Flüchtlinge zu versorgen und weiter nach Westen zu lotsen. «Refugees welcome» ist auf einem kleinen Plakat direkt hinter der Grenze zu lesen. Nach dem Fußmarsch entlang der Autobahn auf dem letzten Wegstück zaubert dies etlichen Menschen ein Lächeln ins Gesicht.

Per Sonderzug treffen um 10.45 Uhr Flüchtlinge in Salzburg ein. Als der Railjet mit etwa 250 Personen im Bahnhof einfährt, will niemand dort bleiben. Alle haben nur ein Ziel: «München», sagt ein junger Syrer, und alle anderen Flüchtlinge nicken zustimmend.

Gut zweieinhalb Stunden später in Bayerns Landeshauptstadt. Der Sonderzug erreicht um 13.20 Uhr den Münchner Hauptbahnhof. Müde, die meisten aber vor Glück strahlend, betreten die Flüchtlinge deutschen Boden. Sie haben es geschafft.

Auf dem Vorplatz des Bahnhofs werden sie in Zelten zunächst medizinisch versorgt, anschließend mit Sonder-S-Bahnen und Bussen weitertransportiert und auf Aufnahmeeinrichtungen verteilt. Viele freiwillige und ehrenamtliche Helfer sind da, um die erschöpften Menschen zu empfangen.

Die Bundesregierung tritt derweil dem Eindruck entgegen, die Ausreise Tausender Flüchtlinge aus Ungarn könne ein Präzedenzfall sein. «Wir haben jetzt eine akute Notlage bereinigt», sagt ein Regierungssprecher in Berlin. In diesem konkreten Fall hätten Deutschland und Österreich einer Weiterreise zugestimmt.

Doch in Budapest man kann am Samstag zusehen, wie sich der Platz vor dem Ostbahnhof bereits erneut füllt. Am Mittag haben sich schon wieder mehr als 1500 Asylbewerber auf dem Bahnhofsgelände eingefunden.

Dort sitzt Siham Daas apathisch in der Unterführung vor dem Haupteingang auf einem Betonklotz. Die 26-jährige Mutter aus der syrischen Provinz Deraa ist verzweifelt. Sie hat die vergangene Nacht mit ihrem Mann und den drei Töchtern nicht am Bahnhof verbracht, sondern in der Wohnung einer hilfsbereiten Ungarin. «Wir wollten endlich wieder duschen und jetzt haben wir die Busse zur Grenze verpasst», sagt sie mit erstickter Stimme. Was sie jetzt tun will? «Wir warten und Gott wird uns helfen.» Sie scheint aber untröstlich.

Viele der Menschen, die hier im Minutentakt eintreffen, haben gehört, dass man jetzt von hier aus mit dem Bus zur österreichischen Grenze gebracht wird. Die Syrer, Afghanen, Iraker und Pakistaner sind tief enttäuscht, als sich herumspricht, dass dies nur eine einmalige Aktion gewesen sein soll.

«Jeder, der glaubt, man kann dieses Problem aussitzen, der irrt sich», warnt der österreichische Außenminister Sebastian Kurz am Samstag vom EU-Ministertreffen in Luxemburg aus. «Jeder, der glaubt, der Winter wird kommen und das wird das Problem lösen, weil die Zahlen dann runtergehen, der hat vielleicht recht, was die Mittelmeer-Italien-Route betrifft, aber nicht, was die Westbalkan-Route betrifft.»

In der griechischen Hafenstadt Piräus haben sich die Behörden am Samstag auf die Ankunft von rund 4200 weiteren Flüchtlingen vorbereitet. Die Fähren sollen danach wieder auslaufen, um weitere Migranten von anderen Inseln der östlichen Ägäis abzuholen und sie zum Festland zu bringen. Die Situation sei kurz davor, außer Kontrolle zu geraten, warnt der Bürgermeister der Insel Lesbos, Spyros Galinos, im griechischen Fernsehen. «Wir brauchen keine einzelnen Fähren. Wir brauchen eine Flotte, die diese Menschen abholen sollte.»