Blatter weist Schuld an FIFA-Skandal von sich

Joseph Blatter hat vor der Wahl des FIFA-Präsidenten nach altbekanntem Muster die Verantwortung für den Korruptionsskandal um den Fußball-Weltverband auf einzelne Schuldige abgewälzt.

Blatter weist Schuld an FIFA-Skandal von sich
Walter Bieri Blatter weist Schuld an FIFA-Skandal von sich

Der Schweizer forderte im Hallenstadion von Zürich angesichts des größten Bebens in der Geschichte der FIFA ein aktives Mitarbeiten der 209 Mitglieder. «Heute rufe ich Sie zum Teamgeist auf, damit wir gemeinsam fortschreiten können. Wir sind zusammengekommen, um die Probleme anzupacken», sagte der Schweizer in seiner Begrüßungsansprache.

Die Wahl des künftigen FIFA-Chefs wird für den späten Nachmittag erwartet, Blatter strebt dabei seine fünfte Amtszeit an. Den jüngsten Skandal mit Festnahmen von sieben Funktionären stellte er nicht als Vergehen der FIFA dar. «Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation», erklärte der Schweizer. Er sei bereit zu akzeptieren, dass der FIFA-Präsident für alles verantwortlich gemacht werde, diese Verantwortung müsse aber geteilt werden.

Stattdessen witterte er einen Zusammenhang des Zeitpunkts der Festnahmen mit dem Kongress. «Ich spreche da nicht von einem Zufall, ich stelle zumindest die Frage, ob es Zufall war», sagte der 79-Jährige in seiner 20-minütigen, wenig inspirierenden Ansprache.

Kongress-Höhepunkt ist die Wahl des Präsidenten, bei der Blatter gegen Prinz Ali bin al-Hussein weiterhin als Favorit gilt. Allerdings zeichnet sich die wohl knappste Entscheidung bei einer FIFA-Wahl ab, seitdem Blatter 1998 die Regentschaft übernahm. «Es war gestern auf der Dinner-Veranstaltung vielfach zu spüren, wenn man mit den Leuten gesprochen hat, dass bei dem einen oder anderen Land eine Umkehr in der Meinung eingetreten ist», sagte Ligapräsident Reinhard Rauball.

Offenbar wird es erstmals keine FIFA-Konföderation geben, die en bloc für einen Kandidaten stimmt. Neuseeland, Australien und die USA hatten kurzfristig bekanntgegeben, dass sie für Al-Hussein votieren wollen. Auch Tunesien scheint in diese Richtung zu tendieren.

Zumindest die 54 Stimmen Afrikas galten als sicher für Blatter. UEFA-Chef Michel Platini, der Blatter noch am Donnerstag in einem persönlichen Gespräch zum Rücktritt aufgefordert hatte, rechnet mit 45 oder 46 der 53 europäischen Stimmen für Al-Hussein, darunter sicher die des Deutschen Fußball-Bundes. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wird als Nachfolger von Theo Zwanziger, der gar nicht mehr nach Zürich gereist war, in das FIFA-Exekutivkomitee aufrücken.

Auch Niersbach hatte Blatter als Favorit für die Wiederwahl eingeschätzt - bis zum späten Abend arbeitete die Anti-Blatter-Fraktion aber an einem Stimmungsumschwung. UEFA-Präsident Michel Platini war unter anderem mit dem designierten FIFA-Exekutivmitglied Ahmad al Fahad al Sabah zu sehen. Der Kuwaiti hatte seinen Ruf als einflussreicher Beschaffer von Mehrheiten schon bei der Wahl von Thomas Bach zum IOC-Präsidenten unter Beweis gestellt.

Schon ein zweiter Wahlgang, der nötig wäre, wenn Blatter im ersten Anlauf keine Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht, wäre zumindest ein symbolischer Erfolg für die Blatter-Gegner aus Europa.

Auf Antrag der USA wurde beschlossen, dass die Wahl nicht mit dem elektronischen Wahlsystem, sondern per Stimmzettel erfolgen soll. Die FIFA rechnet mit einem ungewöhnlich langen Kongress. Die traditionelle Pressekonferenz mit dem Präsidenten wurde schon vorab auf Samstag verlegt, im Anschluss an die anberaumte Sondersitzung des FIFA-Exekutivkomitees, bei der über die künftigen WM-Startplatzquoten entschieden werden soll.

«Die Ereignisse von Mittwoch haben einen echten Sturm ausgelöst», sagte Blatter zur Festnahme von sieben Funktionären, darunter seine Stellvertreter Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo. «Machen wir uns an die Arbeit, bleiben wir konzentriert, keine langwierigen Diskussionen, gehen wir nach vorne, suchen wir die Lösung», sagte Blatter zu den Zukunftsaufgaben der FIFA.

Als Ursache der FIFA-Krise wertete der Schweizer die WM-Vergabe 2018 an Russland und 2022 an Katar, die auch von Schweizer Behörden untersucht wird. «Wenn zwei andere Länder aus dem Umschlag gezogen worden wären, hätten wir diese Probleme nicht», meinte Blatter.

Kurz vor dem Beginn des FIFA-Kongresses hatten vor dem Hallenstadion mehrere Dutzend Menschen lautstark für einen Ausschluss Israels aus dem Fußball-Weltverband demonstriert. Der palästinensische Verband hat für die Vollversammlung der 209 FIFA-Mitgliedsländer einen entsprechenden Antrag gestellt. Im Kongresssaal wurden zwei Frauen rasch abgeführt, die Parolen riefen und eine Palästina-Fahne schwenkten. Zudem hatten Demonstranten vor der Halle Kreuze aufgestellt, die an gestorbene Wanderarbeiter in Katar erinnern sollten.