FIFA im Zwielicht - Kein Tag für Blatter-Tänzchen   

Korruption, Bestechung und jahrelange dunkle Machenschaften: Der ramponierte Ruf der FIFA hat in Zürich weiter massiv Schaden genommen und einen großen Schatten auf den bevorstehenden Wahlkongress des Fußball-Weltverbands geworfen.

Präsident Joseph Blatter wies trotz der Festnahme zweier seiner Stellvertreter sowohl Forderungen nach einer Absage des Jahrestreffens der 209 FIFA-Mitglieder am Donnerstag und Freitag, als auch nach seinem Rücktritt zurück. Die Präsidentschaftswahlen am Freitag mit seiner zu erwartenden Bestätigung im Amt sollen stattfinden.

Im Morgengrauen hatten Sicherheitsbehörden der Schweiz unabhängig voneinander gleich an zwei Orten in Zürich Ermittlungen wegen möglicher Vergehen innerhalb des FIFA-Apparates vorangetrieben. Und erneut kommen Beschuldigte auch aus dem engsten Machtzirkel um Blatter. Im Hotel Baur au Lac wurden unter anderem die FIFA-Vizechefs Jeffrey Webb von den Kaymaninseln und Eugenio Figueredo aus Uruguay neben fünf weiteren Spitzenfunktionären festgenommen.

Ihnen werden organisiertes Verbrechen und Korruption vorgeworfen. Insgesamt ermittelt das US-Justizministerium, das die Schweizer Behörden um Amtshilfe ersucht hatte, gegen 14 Personen. Sie sollen seit Anfang der 90er Jahre Schmiergelder von 100 Millionen Dollar von Vermarktern für die Vergabe von Fußballturnieren erhalten haben.

Unabhängig davon stellten Schweizer Behörden in der Zentrale des Fußball-Weltverbandes elektronische Daten und Dokumente sicher. Die zuständige Bundesstaatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren im Zusammenhang mit den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022. Nach Behördenangaben geht es um den Verdacht «der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie des Verdachts der Geldwäscherei gegen unbekannt». Bis zu zehn an der WM-Vergabe beteiligten Mitglieder des Exekutivkomitees sollen noch verhört werden.

Russland sieht sich als Gastgeber 2018 nicht belastet. Die betroffenen Funktionäre hätten «keine Beziehung» zu dem Turnier in drei Jahren, sagte Sportminister Witali Mutko der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Russland sei zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit. «Wir haben nichts zu verbergen.» Auch bei der FIFA gibt es an den WM-Planungen keine Zweifel. Der Medienchef stellte bei einer Pressekonferenz klar, dass die Turniere 2018 und 2022 ebenfalls wie vorgesehen stattfinden sollen.

Die WM-Ermittlungen gehen auf eine Strafanzeige der FIFA vom 18. November 2014 vergangenen Jahres zurück. «Das Timing ist nicht das beste», räumte FIFA-Kommunikationschef Walter de Gregorio ein, generell sei das Verfahren aber gut für die FIFA «im Sinne der Transparenz». Der Kongress des Dachverbandes und die Wahl seines Präsidenten mit Blatter und seinem einzigen noch verbliebenen Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein soll durchgeführt werden. Ein Rücktritt Blatters sei kein Thema. «Warum soll er zurücktreten? Er wird nicht verdächtigt», sagte de Gregorio.

Aus dem Hauptquartier berichteten FIFA-Mitarbeiter von einer «extrem angespannten Stimmung». Blatter sagte alle seine Termine des Tages ab. «Er tanzt natürlich nicht in seinem Büro», sagte Medienchef Walter de Gregorio zum Gemütszustand des Präsidenten. Auch bei einer Sitzung des südamerikanischen Verbandes CONMEBOL soll es eisig zugegangen sein. Erstmals wurden in dem Blatter freundlich gesonnenen Gremium kritische Stimmen laut, hieß es.

Blatters Kritiker formierten sich noch am Mittwoch und stellten den Fahrplan der Kongresswoche infrage. Blatter-Herausforderer Al-Hussein forderte natürlich, auch aus eigenem Interesse, einen generellen Wandel: «Wir können so nicht weitermachen. Die Krise dauert an und ist nicht nur an die heutigen Ereignisse geknüpft. Die FIFA braucht eine Führung, die regiert, führt und unsere Verbände schützt», sagte Al-Hussein.

Die UEFA, die Al-Hussein unterstützt, und als einzige Konföderation zuletzt auf Distanz zu Blatter gegangen war, reagierte «erstaunt und traurig» auf die Entwicklungen. «In der UEFA werden wir angesichts dieser Vorkommnisse beraten, wie wir uns auf dem bevorstehenden FIFA-Kongress verhalten», sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der am Freitag ins Exekutivkomitee des Weltverbandes aufrücken soll. Eduardo Li, Verbandschef aus Costa Rica, soll dann Kollege von Niersbach werden. Er gehört aber auch zu den Festgenommenen, denen nun eine Auslieferung in die USA droht.

Der als FIFA-Kritiker bekannte Ligapräsident Reinhard Rauball forderte leicht verklausuliert den Rücktritt Blatters: «Sepp Blatter - obgleich offensichtlich persönlich nicht betroffen - sollte dem Fußball einen großen Dienst erweisen. So kann es nicht weitergehen», sagte er in einer Mitteilung der Deutschen Fußball Liga.

Unter den insgesamt 14 Verdächtigen ist auch der frühere FIFA-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad und Tobago. Warner beteuerte indes in einer Stellungnahme seine Unschuld. Er sei nicht verhört worden und könne ruhig schlafen. In den USA laufen seit längerem Untersuchungen des FBI gegen frühere FIFA-Funktionäre. Der ehemalige US-Verbandschef Chuck Blazer und Jack Warner gehören zu Beschuldigten in diversen Korruptionsverdachtsfällen.

Wie das US-Justizministerium erklärte, soll am Mittwoch in Miami auch das Hauptquartier des nord- und mittelamerikanischen Dachverbandes CONCACAF durchsucht werden. Korruption sei weit verbreitet, systematisch und tief verwurzelt, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im Ausland, erklärte US-Justizministerin Loretta E. Lynch.