Zulauf für Salafisten - IMK rückt Prävention in den Fokus

Die Salafisten-Szene wächst und wächst. Prävention ist dagegen ein noch zartes Pflänzchen. In den Bundesländern kommt sie gerade erst zaghaft in Gang - und ist Topthema bei der Innenministerkonferenz in Köln.

Zulauf für Salafisten - IMK rückt Prävention in den Fokus
Marijan Murat Zulauf für Salafisten - IMK rückt Prävention in den Fokus

Er sitzt auf gepackten Koffern, will nach Syrien ausreisen, in den Dschihad. Die verzweifelte Mutter des 17-Jährigen wendet sich an die Beratungsstelle Radikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Schnelle Intervention ist gefragt. «Solche Fälle kommen häufiger bei uns vor», berichtet der Leiter der BAMF-Koordinierungsstelle, Florian Endres. Die radikal-islamischen Salafisten haben enormen Zulauf. Um junge Leute vor einem Abgleiten in die gewaltbereite Szene zu schützen, kommen nun auch in den Bundesländern Präventionsprogramme in Gang.

Während es die BAMF-Beratungsstelle des Bundes seit drei Jahren gibt, stehen die Länder noch am Anfang. Der Bedarf ist groß. Über das BAMF in Nürnberg und seine Netzwerkpartner - Zentrum für Demokratische Kultur in Berlin, IFAK in Bochum, Violence Prevention in Frankfurt und Vaja in Bremen - kam es schon zu Interventionen in 400 Fällen. Meistens nach Hilferufen von Eltern. «Oft geht es um eine tiefgehende Hinwendung zum Salafismus, vielfach mit Syrien-Bezug», so Endres. «Die Experten arbeiten dann direkt mit den Familien zusammen.»

In den Bundesländern scheint es nun einen Ruck zu geben. «Es ist hervorragend, dass die Länder einiges in Gang setzen und Strukturen schaffen, um Radikalisierungsprozesse umzukehren», sagt Endres. Als Vorreiter gilt Nordrhein-Westfalen, Hochburg der Salafisten. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), Vorsitzender der IMK, wirbt für das Präventionsprojekt «Wegweiser» als Modell auch für andere Länder. Es startete im März in Bonn, Bochum und Düsseldorf und wird 2015 ausgeweitet. Mehrsprachige Sozialarbeiter mit Islamkenntnissen beraten, gehen bei Hinweisen in Familien oder Schulen. Mit im Boot sind Moscheevereine, Jobcenter, Psychologen oder Polizisten.

Alle Bundesländer sind sich einig im Ziel, eine salafistische Radikalisierung zu verhindern, betont NRW-Ministeriumssprecher Jörg Rademacher. In Niedersachsen sind jetzt nach dem Vorbild des «Wegweiser»-Frühwarnsystems Beratungsstellen am Start. Hessen hat bereits ein landesweites Präventionsnetzwerk initiiert. Dabei betreuen Mitarbeiter von Violence Prevention auch Rückkehrer aus Syrien, die aus der Szene aussteigen wollen. Bremen ist ebenfalls aktiv. In Hamburg laufen Planungen. Jäger strebt eine effektive Länderzusammenarbeit und eine bundesweite Konzeption an.

Die Zahlen setzen unter Druck: Der Bundesverfassungsschutz (BfV) rechnet damit, dass die stark wachsende Szene bis Jahresende 7000 Mitglieder in Deutschland zählt - vor wenigen Jahren waren es noch 2800 Salafisten. Ein BfV-Programm, das beim Ausstieg aus der Szene helfen sollte, bewährte sich einer Sprecherin zufolge nicht und wurde eingestellt. Das BAMF und sein Netzwerk sind dagegen ausgelastet.

Wer wird geködert? Vor allem junge Männer, muslimisch, mit Migrationshintergrund, auch Konvertiten. Endres weiß: «Es sind vor allem junge Menschen, die an einem Scheideweg stehen, weil sie beispielsweise keine Lehrstelle oder Arbeitsplatz finden, perspektivlos sind, die Eltern sich getrennt haben oder es Sucht- oder Diskriminierungserfahrungen gab». Über Internet-Propaganda oder Freunde geraten sie in die Szene. Dort locke man geschickt und auf pseudoreligiöse Weise mit angeblich einfachen Lösungen.

«Unsere Partner entwickeln Gegenstrategien, arbeiten mit Akteuren aus dem Umfeld - Lehrern, Freuden oder Moschee - zusammen, organisieren eine engmaschige Betreuung», sagt Endres. Beratung und Betreuung sind aufwendig, langfristig angelegt - und lohnenswert. «Unser Modell hat Erfolg, das erleben wir Tag für Tag. Wir haben auch schon Anfragen aus dem Ausland.»

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, die Präventionsarbeit jüngst einen Tropfen auf den heißen Stein nannte, spricht nun bei den Länderinitiativen von einem guten Anfang. Und mahnt: «Erfolgreiche Maßnahmen müssen langfristig angesetzt sein.» In Sozialarbeit und Jugendangebote müsse mehr investiert, zudem gesellschaftlich stärker sensibilisiert werden. «Wir alle müssen die Gefahr im politischen Salafismus erkennen.»