Zuspruch für «traurige» Bayern - Nicht «Nerven verlieren»

Karl-Heinz Rummenigge sah keinen Anlass für eine aufrüttelnde Brandrede. Der Vorstandsboss blickte beim Bankett des FC Bayern im Teamhotel in «traurige Gesichter» und trat demonstrativ als Anwalt eines platt wirkenden Rumpfkaders auf.

Absurde Aussetzer einzelner Akteure waren von einem euphorisierten FC Porto bei der 1:3 (1:2)-Abfuhr im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gnadenlos bestraft worden. «Ich bin nicht bereit, die Mannschaft zu kritisieren», sprach Rummenigge in sein Mikrofon.

«Wir tun gut daran, uns jetzt zu sammeln», plädierte der Boss mit Blick auf den schwierigen, aber nicht aussichtslosen Rettungseinsatz im Rückspiel am kommenden Dienstag in München. Er habe «großes Vertrauen zu dieser großartigen Mannschaft». Und auch zu Pep Guardiola, «diesem großartigen Trainer», der Rummenigges Worten mit versteinerter Miene lauschte. Später nippte der Katalane freudlos an seinem Rotweinglas. Ein Jahr nach dem krachenden K.o. gegen Real Madrid droht Guardiola als Trainer in der Königsklasse erstmals vor dem Halbfinale auszuscheiden. «Auf diesem Niveau musst du in der Champions League immer fast perfekt sein», klagte er.

«Wir dürfen nicht die Nerven verlieren», mahnte Sportvorstand Matthias Sammer. Erfahrene Profis wie Champions-League-Sieger Xabi Alonso, Dante und auch Weltmeister Jérôme Boateng ermöglichten mit grotesken Fehlern die Gegentore der superstarken Porto-Angreifer Ricardo Quaresma (3./10. Minute) und Jackson Martinez (65.). «Schade, dass alle drei Fehler an einem Tag passieren», haderte Boateng.

Rummenigges Milde begründete sich auch in der Verletztenmisere. Die aktuelle Rumpftruppe wird weiter gebraucht, nicht nur im Rückspiel, sondern auch in der Bundesliga und dem DFB-Pokal. Es geht ja nicht nur um einen Titel. «Das sind 13, 14 Spieler, die wir im Moment noch gesund haben und die seit Wochen dreimal die Woche spielen», betonte Rummenigge. Und die hätten jüngst beim 1:0 in Dortmund und beim Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale in Leverkusen nach Verlängerung und Elfmeterschießen «gefightet wie die Verrückten», erinnerte der Boss. Irgendwann komme dann eben der Tag, «wo du ein bisschen kaputt bist, wo du müde bist, wo die Beine schwer sind und dann auch im Kopf die Konzentration ein bisschen fehlt».

Fast alle Spieler schlichen nach dem verbalen Zuspruch des Chefs noch vor Mitternacht aus dem Bankettsaal. An Aufgabe denkt niemand. «Wir sind ja immer noch der FC Bayern, zu Hause eine starke Mannschaft», erklärte Thomas Müller. Schon in der Kabine habe man gesagt, «wir hauen am Dienstag alles raus. Es wäre kein Fußball-Wunder, wenn wir zu Hause 2:0 gewinnen sollten», verkündete der Weltmeister trotzig.

«Wir liegen mit der Nase ein bisschen am Boden», sagte Sammer, der die Geschehnisse im Estádio do Dragao weder begreifen noch erklären konnte: «Man denkt, man hat im Fußball schon alles erlebt, aber es gibt immer wieder Neues.» Ausreden gab's nicht. «Wir haben es einfach verbockt», erklärte Manuel Neuer, der sich auch anstecken ließ in der allgemeinen Verunsicherung um ihn herum. Der Torhüter hatte noch Glück, dass er für sein Foul beim frühen Elfmeter zum 0:1 nicht zusätzlich die Rote Karte sah. Allein Thiago, der einzige starke Münchner, erhielt mit seinem ersten Champions-League-Tor die Chance aufs Halbfinale.

Ein historischer Sieg ist im Rückspiel nötig. Denn noch nie kam der FC Bayern im Europapokal weiter, wenn er das erste Spiel auswärts mit zwei Toren Unterschied verloren hatte. Dem FC Porto werden in München die gesperrten Außenverteidiger Danilo und Alex Sandro fehlen. «Uns erwartet eine gewaltige Aufgabe in München», sagte Portos Trainer Julen Lopetegui. Ob der immer noch angeschlagene Franck Ribéry (Sprunggelenk) die Offensive verstärken kann und Bastian Schweinsteiger (Virus) als Leitwolf zurückkehrt, ist ungewiss. In Porto musste auch noch Mario Götze (Knie) angeschlagen vom Platz.

«Wenn man sieht, wie wir wechseln mussten, ist das natürlich schwierig», stöhnte Boateng: «Wir hatten keinen Offensivspieler, den wir reinbringen konnten.» Egal, entschied Sammer noch vor der Rückreise aus Portugal: «Wir müssen in der Lage sein, zu Hause ob 2:0, 3:1 oder dann in der Verlängerung mit 5:2 zu gewinnen.»