Kinder von Kamp:

Unvergessene deutsche Kriegskinder

Seit mehr als 55 Jahren liegt ein deutsches Flugzeug auf dem Grund des Kamper Sees nahe der heutigen polnischen Ostseeküste. In dem Wrack befinden sich aller Wahrscheinlichkeit nach Dutzende Kinderleichen. Die Mädchen und Jungen wollten in den letzten Kriegswochen vor der anrollenden Front fliehen.

Dornier 24

 „Eine Frau, die ihren Mann begräbt, wird Witwe genannt, ein Mann, der ohne seine Frau zurückbleibt, Witwer. Ein Kind ohne Eltern ist ein Waise. Wie aber heißen Vater und Mutter eines gestorbenes Kindes?“ – mit diesen fragenden Worten versuchte der niederländische Literat Pieter Frans Thomèse 2003 den Tod seiner Tochter Makira zu verwinden. Diese verzweifelte, hilflose Frage von Eltern, die das erleben mussten, was eigentlich wider die Natur ist – nämlich dass Kinder vor ihren Eltern gehen, ist im westpommerschen Rogowo (Kamp) bei Trzebiatow (Treptow an der Rega) seit einigen Monaten Thema und sorgt für Diskussionen.

 

„Geht uns das Schicksal von zumindest einigen Dutzend deutschen Kindern, die in einem deutschen Wasserflugzeug im März 1945 beim Versuch der Evakuierung von Kolberg ums Leben kamen, etwas an – angesichts der vielen Tausend ähnlichen Schicksale von polnischen und anderen Kindern in dieser Zeit?“ – diesen und ähnlichen Einwänden und Fragen muss sich Bürgermeister Zdiszlaw Matusiewicz stellen, wenn er mit stoischer Beharrlichkeit Gäste seiner Stadt zu den Hangars am Kamper-See führt und ihnen seine Sicht der Tragödie auf dem Grund des Sees, der sich heute im Verantwortungsbereich seiner Gemeinde befindet, schildert.

 

Als Kolberg Anfang 1945 zur Festung erklärt wurde, befanden sich einige Tausend Kinder im Rahmen der Kinderlandverschickung in der Region, die hier Sicherheit finden sollten vor Kriegsereignissen in deutschen Ballungszentren. „Kinder waren mit Sicherheit die Unschuldigsten an den Kriegshandlungen, und umso weniger kann uns ihr Schicksal gleichgültig sein – das gilt für polnische Kinder genauso wie für deutsche“, sagt Matusiewicz.

 

Für ihn ist der Grund des Kamper Sees eine der „Baustellen“ in seiner Gemeinde – trotz vieler anderer: Kreisverkehr hier, Radwege dort, Ortsumgehung da. Neben den materiellen Projekten der Modernisierung des lange vernachlässigten Hinterpommerns ist für ihn genau die „Kunst und das Verständnis der barmherzigen Erinnerung“ etwas, was ein wichtiger Standortfaktor der Region sein kann.

 

Wenn es um das Schicksal der Deutschen, die einst in Westpommern lebten, geht, kann Matusiewicz Emotionen vieler Vertriebener nachfühlen. Der Bürgermeister stammt aus Litauen und musste seine Heimat in jungen Jahren verlassen. Deshalb sei das Thema für ihn auch eine Angelegenheit der Herzens.

 

„Die Vorstellung, dass unmittelbar vor unserer Haustür ein Flugzeug mit so vielen Kindern an Bord auf dem Grund des Sees liegt bewirkt bei mir als Bürgermeister, Mensch und Christ ganz einfach Unbehagen. Ich bemühe mich darum, dass das Wrack gehoben wird und die Opfer eine würdige letzte Ruhe finden. Und wenn möglich – die Angehörigen Gewissheit bekommen, was damals geschehen ist“, sagt Matusiewicz.

 

Die Ereignisse des 5. März 1945 lassen sich einigermaßen verlässlich rekonstruieren: Der Kamper See war eine wichtige Evakuierungsbasis für Zivilisten aus Kolberg und die Lager in Deep und Kamp, die für die so genannte Kinderlandverschickung (KLV) eingerichtet worden waren. Ziel der Kinderlandverschickung war es, Kinder aus den von Bombardierungen bedrohten deutschen Großstädten in Sicherheit zu bringen. Über die genauen Zahlen der seit 1940 evakuierten Kinder sind sich die Historiker nicht einig, die Zahlenangaben schwanken zwischen 850000 bis 2,8 Millionen Kindern, die in einem der rund 2000, vermeintlich sicheren KLV-Lager untergebracht waren. Nahe Kolberg waren laut Wolfram Althoff, Sonderbeauftragter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, rund 12000 Mädchen und Jungen untergebracht.

 

Doch spätestens mit Anbruch des Frühjahrs 1945 waren auch diese Mädchen und Jungen nicht mehr sicher. Mit dem Heranrücken der 2. Belorussischen Front auf Kolberg wurden die Lager evakuiert. Der Fliegerhorst Kamp wurde zum Ausgangspunkt für eine Luftbrücke nach Rügen. Zum Einsatz kamen Wasserflugzeuge, deren Entwicklung nach 1918 in Deutschland massiv vorangetrieben wurde – fielen sie doch nicht unter die Bestimmungen des Versailler Vertrages zur Begrenzung der Wiederaufrüstung.

 

Die Großflugboote von Typ Do24 (Dornier) waren ursprünglich für die Rettung Schiffbrüchiger auf See gedacht – 1945 wurden sie jedoch entlang der Ostseeküste zu Evakuierungsflugzeugen für Tausende Flüchtlinge. Allerdings waren Flieger oftmals hoffnungslos überladen. So auch am 5. März 1945, als im für 16 Personen ausgelegten Flugzeug der „Seenotgruppe 81“ 76 – andere Quellen sprechen von 82 Passagieren – vor den herannahenden sowjetischen Truppen zu entkommen versuchten. Sicher ist: In dem Flieger befanden sich Kinder und Betreuerinnen.

 

Was dann passierte schilderte der damalige Flüchtling Wolter v. Egan-Krieger so: „Vor den Augen Tausender stürzte eine der überladenen Maschinen unmittelbar nach dem Start aus etwa 80 Metern Höhe in den Kamper See und versank augenblicklich. Während die Blicke der entsetzten Menschenmenge auf die Absturzstelle gerichtet waren, in der Hoffnung, Überlebende auftauchen zu sehen, zeigte sich Minuten später lediglich der Teil einer Tragfläche an der Wasseroberfläche. Für alle Personen, die sich an Bord befundenen haben, war alles vorbei. Die Schockwirkung auf die Wartenden lässt sich kaum vorstellen. Gebannt noch vom majestätischen Anblick, den die startenden und landenden Flugboote auf sie ausgeübt hatten, mussten sie jetzt mit ansehen, wie rasch und ungeheuer tragisch das Schauspiel enden konnte.“

 

Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass die Maschine abgestürzt war, weil sie überladen war: Die nicht angeschnallten Kinder rutschten beim Start möglicherweise ins Heck der Do24. Doch polnische Taucher brachten neue Erkenntnisse zu Tage. Teile des Wracks konnten geborgen werden. „Das Heck weist eine Einschussstelle einer Panzergranate auf, sogar ein Garantensplitter steckte noch drin“, berichtet Miroslaw Huryn von der Stiftung „Fort Rogowo“, die sich mit der Fluggeschichte der Region befasst und die Taucharbeiten durchführte. Huryn ist überzeugt davon, dass die Maschine abgeschossen wurde. „Von sowjetischen Panzern, die in der Nähe des Sees aufgefahren waren“, so Huryn. Doch Althoff warnt vor zu schnellen Schlüssen,was die Absturzursache betrifft.

 

Das Wrack zu heben wird kompliziert. Der See ist hier sehr flach und die Maschine liegt unter einer meterhohen Schlammschicht. Eine Bergung erfordert die Nutzung von Sperrwänden und das Abpumpen des Schlamms, was sehr teuer ist, erklärt Huryn. Trotzdem will der Bürgermeister nicht von seiner Idee ablassen, diesen Opfern der letzten Tage eine würdige Beerdigung zukommen zu lassen. „Ich möchte, dass Jugendliche aus Polen und Deutschland sich mit diesem Thema befassen, die Geschichte dieser Kinder in Erinnerung rufen. Gemeinsam mit dem Volksbund Kriegsgräberfürsorge werden wir ein entsprechendes Jugendprojekt initiieren und so den Kindern von Kamp eine letzte, würdige Ruhe geben.“

 

Die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte Dornier 24 war eigentlich vorgesehen für die Seenotrettung. Mit den Maschinen wurden im März 1945 aber auch Tausende Zivilisten aus Hinterpommern ausgeflogen.

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