Kinder von Kamp:

Vater beim Absturz der Dornier gestorben

Erinnerungsbericht von Helmut Schütt aus Flensburg. Sein Vater, Ernst Schütt, starb am 5. März 1945 beim Absturz der Dornier 24 über dem Kamper See. Er war Bordmechaniker der Maschine, die mehr als 70 Kinder und Erwachsene nach Rügen ausfliegen sollte. Helmut Schütt ist heute 73 Jahre alt.

Familie Schütt

Es war Samstag, der 11. Februar, als ich in meinem Computer in Google nach „Kamper See März 45“ suchte. Warum ich das gerade an jenem Tage machte , weiß ich nicht. Es war wohl Schicksal. Ich traute meinen Augen nicht und rief meine Frau. Und wir lasen Überschriften wie „Die toten Kinder vom Kamper See“, Polen wollen Kriegsflugzeug heben“,  „Dornier 24  März 1945 Kamper See“, „Das lange Warten auf den endgültigen Abschied“.

Und ich tippte  zuerst auf den letzten Link und las dort von dem tragischen Tod der Familie  W., die damals beim Absturz einer Dornier 24  sechs  Mitglieder verlor.  Und ich las weiter und las den Namen meines Vaters, „Beobachter Ernst Schütt“ stand da schwarz auf weiß.  Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich las stundenlang weiter. Und die Zeit damals zu Beginn des Jahres 45 war wieder da als wären seither keine 67 Jahre vergangen.

Vater wird Beobachter in Flugbooten

Anfang des Jahres '45. Wir leben seit fünf Jahren  in Schleswig,  meine Eltern, meine Omi und ich. Mein Vater ist Lehrer für Mathematik, Physik und Geographie an der Domschule, dem Gymnasium für Jungen. Ich wurde am 11. April 1938 geboren, am 30. Geburtstag meines Vaters. Meine Schwester wird im November 1940 geboren, da ist mein Vater schon eingezogen und wird Beobachter (Copilot) in Flugbooten des Seenotrettungsdienstes. Er wird ausgebildet in den Fliegerhorsten Parow und Nest (heute Uniescie) und ist dann ab Mai 1941 bis August 44 meistens in Frankreich.

Aus seinem Flugbuch geht u. a. hervor, dass er dort vom Fliegerhorst Hourtin bei Bordeaux aus fünf schiffsbrüchige  Amerikaner aus dem Atlantik gerettet hat. Nach Rückeroberung Frankreichs durch die Alliierten wird er dann  im Oktober 44 nach Pillau und im Januar '45 nach Bug auf Rügen zur Seenotgruppe 81 versetzt.

Erinnerungen sind noch deutlich

Ich kann mich an meinen Vater noch gut erinnern. Schön war es immer, wenn er auf Urlaub aus Frankreich kam, er brachte immer etwas mit für uns alle vier. Ich denke noch  gerne an das eine Mal zurück, als er mir einen aus Holz gefertigten Zug mitbrachte. Ich spielte sofort damit auf dem Fußboden unserer warmen Küche und er mit mir. Wir koppelten Wagen an und andere wieder ab und fuhren mit „Husch – ta –ta –husch – ta  - ta“ , denn es war ja ein von einer Dampflokomotive  gezogener Zug,  durch den Raum.  Mein Vater war sehr kinderlieb. Wenn ich mit ihm im Garten oder auf der Straße spielte, waren gleich auch meine Freunde da, und er spielte mit uns allen.

Meiner Mutter schrieb mein Vater in den Jahren '44 und '45 fast jeden Tag einen Brief. Während die Briefe meiner Mutter an meinen Vater wohl verloren gegangen sind, habe ich von meiner Mutter fast alle Briefe meines Vaters an sie bekommen. Im August '44 war er zum letzten Mal auf Urlaub bei uns in Schleswig. Unerwartet kam er am 26. August, einen Tag vor dem 35. Geburtstag meiner geliebten Mutter, seiner geliebten Frau, durch die Tür, die von der Küche in den Garten führte. Er umarmte uns,  mich hob er mit seinen starken Armen hoch und küsste mich, wobei ich seine stachelige Gesichtshaut spürte, er hatte sich wohl nicht rasieren können, hielt mich mit seinen Händen fest und drehte sich mit mir um seine eigene Achse, so, als würde ich in seinem Flugzeug mitfliegen. Er blieb nur einige Tage. Dann war er wieder fort. Und er sollte nie wiederkommen.

Liebesbriefe an die Mutter

Er schrieb meiner Mutter wieder Briefe, Liebesbriefe. Und er schrieb nie davon, welche Grausamkeiten er erlebte und wohin er flog und wen sie retteten. So steht in seinem Flugbuch unter dem Datum 31. 1. 45: “Do 24  Seenotfall  Abflug um 5:39 in Bug und Ankunft um 9:41 in Bug  Bemerkungen: Dampfer in Planquadrat QQ 82 gesunken“. Auch das durfte er meiner Mutter nicht schreiben, und auch im Flugbuch durfte er den Namen des Dampfers nicht nennen. Denn es war die „Wilhelm Gustloff“.

Das beschrieb später auch sein Staffelkapitän, Hauptmann Körner (in der Broschüre „Seenotgruppe 81 / Ostsee  1944/45“ auf Seite 14): „ .. Als wir das Suchgebiet erreichten, wurde es langsam heller. Den Suchflug führten wir in etwa 20 – 25 Meter Höhe durch. Eine Landung konnten wir nicht wagen, da die See mit Treibgut übersät war.  ..“ Davon schrieb mein Vater in seinem nächsten Brief vom 1. Februar nichts. Er schrieb vom Witterungsumschlag in der letzten Nacht und erkundigte sich nach meiner Schwester und mir. „Wie oft bin ich bloß mit meinen Gedanken bei den beiden!“ schrieb er, und „.. Helmut fragt wohl schon sehr oft nach dem Kriegsgeschehen, gell? Aber teile ihm man nicht so viel davon mit, denn für die Kinderseele ist es besser, wenn sie nichts von den Brutalitäten des Krieges weiß  ..“. Ja, was haben Menschen nicht alles erleiden müssen in diesem brutalen Krieg, der mit dem Einmarsch Deutschlands in Polen begann.

Keine Post - ein schlechtes Zeichen

Anfang März bekam meine Mutter dann plötzlich keine Post mehr von meinem Vater. Und als es dann am 19. März an unserer Haustüre klingelte, ahnte meine Mutter schon Schlimmes. Und so war es dann auch. Mein Vater war gefallen.  Wie Millionen anderer Frauen waren meine Mutter ohne Mann und wir beiden Kinder ohne Vater.  Meine Mutter muss  oft  geweint haben, denn als ich älter war, sagte sie zu mir, ich hätte sie dann gestreichelt und getröstet.  Meiner Mutter wurde auch ein Päckchen mit Briefen meines Vaters  und ein handgeschriebener Beileidsbrief von seinem Staffelkapitän Körner übergeben.

In diesem Brief beschreibt er den Todesflug der Do 24 wie folgt: „ .. Beim Abtransport von flüchtenden Frauen und Kindern aus dem Osten ist das Flugzeug, in dem Ihr Mann als Beobachter flog, kurz nach dem Start im Kamper See (westlich Kolberg) abgestürzt. Das Flugzeug ist durch den Aufschlag auf dem Wasser restlos zerstört worden und gleich gesunken. Sofort eingeleitete Rettungs-und Bergungsmaßnahmen  blieben leider ohne jeden Erfolg und, da das Flugzeug auf dem Grunde des Sees liegt, konnte die Besatzung auch noch nicht geborgen werden. ..“

Tod des Vaters nicht vorstellbar

Obgleich wir das alles wussten, glaubten wir lange nicht an den Tod meines Vaters. Irgendwie ist er bestimmt da raus gekommen, glaubte ich. Vielleicht ist er jetzt in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Dann wäre es ja auch normal, dass wir nichts von ihm hören. Und so lauschte ich jahrelang im Radio im NWDR, so hieß der Sender damals, der Sendung, in der die Namen der Heimkehrer verlesen wurden. Aber „Dr. Ernst Schütt“ oder nur „Ernst Schütt“ hörte ich nie.  Nach einigen Jahren, so erzählte meine Mutter mir später, wäre ich dann heulend zu ihr gelaufen und hätte gesagt „Papi kommt nicht wieder“.

Aber unser Vater war und ist in unserer Familie  immer in unseren Gedanken dabei. Sein Bild steht noch heute im Zimmer und an seinem Todestag wird daneben eine Kerze entzündet.

Vater seit 67 Jahren mit Flugzeug im See

Meine Mutter bekam noch ein erfülltes Leben, auch dank ihrer Enkelkinder und Urenkelkinder. Sie starb erst vor ein paar Jahren kurz vor Vollendung ihres 97. Lebensjahres, und wie sie es gewünscht hatte, nicht im Krankenhaus, sondern bei uns zu Hause im Kreise ihrer Kinder. Eine Woche  vor ihrem Tod sagte sie plötzlich: „Jetzt sind alle da, nur einer fehlt noch“. Auf unsere  Frage „Wer denn?“, wir waren ja alle versammelt, antwortete sie nur „der Ernst“. Hatte meine Mutter damals schon „gesehen“, dass mein Vater jetzt bald wiederkommt?  

Heute wissen wir, dass damals im März 45 keine Rettungs-und Bergungsmaßnahmen  eingeleitet werden konnten. So liegt das Flugboot mit all den Menschen auch noch nach 67 Jahren im See.  Und auch mein Vater ist noch da unten in der Dornier. Aber jetzt kommt er doch wieder, ganz anders, als damals gemeint, dank der Initiative  „KindervonKamp“. Herzlichen Dank dafür.

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