Neubrandenburg als Durchreisestation zwischen Rügen und Bayern:

Auf der Walz ist Höflichkeit Ehrensache

Mit ihrer ungewöhnlichen Kleidung zogen zwei Walzbrüder auch auf dem Neubrandenburger Marktplatz die Blicke auf sich. Sie folgen einer Tradition mit strengen Regeln.

Florian und Jean-Pierre sind "Fremde freireisende Zimmerer" aus Bayern und Baden-Württemberg. Quer durch Deutschland führt ihre Wanderschaft und hat sie jetzt auch nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen.
Marcel May Florian und Jean-Pierre sind "Fremde freireisende Zimmerer" aus Bayern und Baden-Württemberg. Quer durch Deutschland führt ihre Wanderschaft und hat sie jetzt auch nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen.

Als Jean-Pierre seinen Heimatort Rheinfelden in Baden-Württemberg verlässt, hat er noch 50 Kilometer lang Zeit, es sich anders zu überlegen. Will er wirklich für mindestens drei Jahre und einen Tag nicht nach Hause zurückkehren? Ohne Geld, Auto, Handy durchs Land ziehen? Der gelernte Zimmerer legt die Strecke zu Fuß zurück – und bleibt bei seiner Entscheidung, auf die Walz zu gehen - gemäß einer mehr als 800 Jahre alte Tradition.

„Jugendliche halten uns manchmal für Schornsteinfeger“, sagt Jean-Pierres Walzbruder Florian. Auf der Walz sein bedeutet, auf Wanderschaft sein. Gesellen, zum Beispiel Zimmerer, Schreiner, Handwerker machen sich nach der Gesellenprüfung auf den Weg: im ersten Jahr durch Deutschland, im zweiten durch Europa und im dritten durch die ganze Welt, erklärt Florian. Er selbst ist Altgeselle. Schon seit Mai 2010 zieht er umher, besuchte unter anderem Marokko, Laos, Malaysia. Nur mit einem kleinen Beutel am Wanderstock ausgerüstet müssen die Reisenden immer wieder nach Transportmöglichkeiten suchen: Sie trampen, fragen Schaffner, ob sie ein Stück mitreisen können. Dabei haben sie ihre Nachnamen „abgelegt“. Die beiden stellen sich als „fremde freireisende Zimmerer“ vor.

Auf der Wanderschaft bieten sie ihre Arbeitskraft an – gegen Essen, eine Unterkunft und um neue Länder und andere Handwerkstechniken kennenzulernen. „Gestern waren wir noch auf Rügen“, erzählt Jean-Pierre. „Wir wurden spontan gefragt, ob wir beim Dachbau helfen können.“ Dann zogen die beiden weiter nach Neubrandenburg. Und in Hof, im nördlichen Bayern, wartet schon die nächste Beschäftigung. „An guten Tagen legt man bis zu 1000 Kilometer zurück“, so Florian. Einmal quer durch Deutschland – ohne Reisekosten, aber mit viel Höflichkeit. Die sei sehr wichtig für Gesellen auf der Walz, so Jean-Pierre.

An der typischen Kluft, dem Jacket mit den Knöpfen, den Hüten erkennt man sie sofort. Das fördere das Gefühl, zu einer großen Gemeinschaft zu gehören, sagt Florian. 600 bis 700 Wandergesellen sind derzeit weltweit unterwegs - 10 Prozent davon Frauen. Sich gut zu benehmen, höflich zu sein, sei deshalb Ehrensache. Schließlich will man keine schlechten Erinnerungen bei den Gastgebern hinterlassen.

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