Neubrandenburger Retter sind Landesmeister:

Auf überraschenden Sieg folgt hartes Training

Gerade ist die Neubrandenburger DRK-Bereitschaft als Sieger von der Landesmeisterschaft zurückgekehrt, da warten schon Demokratiefest, Seenrunde und Tollenseseelauf auf die ehrenamtlichen Lebensretter. Und die Vorbereitung auf den nächsten großen Wettkampf.

Ein Kletterer ist von einem Baum gestürzt. Welche Verletzungen hat er sich zugezogen und wie muss er versorgt werden? Die Mannschaft aus der Viertorestadt hat sich auch bei dieser Übung hervorragend geschlagen.
Andreas Hänisch Ein Kletterer ist von einem Baum gestürzt. Welche Verletzungen hat er sich zugezogen und wie muss er versorgt werden? Die Mannschaft aus der Viertorestadt hat sich auch bei dieser Übung hervorragend geschlagen.

Ein bekiffter Junge, nicht ganz bei Sinnen, hat gerade vor die Toiletten der Turnhalle gekotzt, als seine Freundin sich auch noch an einer Glasscherbe verletzt. Bei der Explosion einer Gasleitung ist einem Passanten die Hand abgerissen worden. Und als ein teilnahmsloser älterer Herr um sein Herzspray bittet, aber wenig später bewusstlos wird, taucht auch noch ein Sensationsreporter auf und setzt die Retter unter Druck.

Ein bisschen viel Extremes auf einmal? Tja, diese und noch einige Situationen mehr haben ehrenamtliche Retter aus Neubrandenburg bei der Landesmeisterschaft der DRK-Bereitschaften bewältigen müssen, in jeweils nur 15 Minuten pro Station – und haben die Konkurrenz aus den anderen Kreisverbänden deutlich hinter sich gelassen. Im September werden sie Mecklenburg-Vorpommern beim Bundeswettbewerb in Darmstadt vertreten.

„Es läuft“, lautete zwischen den zwölf Stationen der Landesmeisterschaft meist die zurückhaltende Auskunft des Neubrandenburger Sextetts, berichtet Andreas Hänisch, stellvertretender Kreisbereitschaftsleiter. Einen „guten Mittelfeldplatz“ hatte sich die DRK-Bereitschaft des viertorestädtischen Kreisverbandes vorgenommen. Von einem Sieg hatte niemand auch nur zu träumen gewagt. Auf den hatten vor allem die Demminer Konkurrenten als Titelverteidiger gehofft. Doch die Wiederholung ihres Triumphs von vor zwei Jahren – das wäre die erste erfolgreiche Titelverteidigung in der Geschichte der Landesmeisterschaften gewesen – war ihnen nicht vergönnt.

Mitstreiter sind jederzeit beim Training willkommen

Bei dem Wettkampf geht es um Erste Hilfe ebenso wie um Wundversorgung und Wiederbelebung, um praktische Übungen ebenso wie um Wissen über Technik und Sicherheit. Seit Jahresbeginn hatte sich das Neubrandenburger Team neben dem regulären wöchentlichen Training speziell auf dieses Ereignis vorbereitet, berichtet Andreas Hänisch. Der hiesige Kreisverband kann sich dabei durchaus über die Qual der Wahl der sechs Besten freuen: Mehr als 50 Ehrenamtler im Alter zwischen 17 und 60 Jahren trainieren regelmäßig für Katastrophen- und Schadensfälle sowie die Absicherung von Großveranstaltungen, von der Verpflegungsausgabe bis hin zu Sanitäter-Einsätzen. Schüler und Studenten sind ebenso dabei wie Bundeswehrangehörige und Laborantinnen. Hänisch selbst arbeitet im Hauptberuf als Teamleiter in einem Callcenter. „Momentan haben wir bei der DRK-Bereitschaft  guten Zulauf, auch dank unserer eigenen Jugendabteilung“, bestätigt er. Neue Mitstreiter seien aber jederzeit willkommen – zum Beispiel zum Training freitags um 18  Uhr auf dem RWN-Gelände in der Nonnenhofer Straße 6.

Das Demokratiefest am 1.  Mai auf dem Marktplatz, die Mecklenburger Seenrunde am letzten Mai-Wochenende, der Tollenseseelauf Mitte Juni sowie die Unterstützung anderer Verbände zum Beispiel beim Fusion-Festival in Lärz oder bei der Hanse Sail in Rostock sind die nächsten „Großkampftage“ im Kalender der Neubrandenburger DRK-Bereitschaft. Da können die Erste-Hilfe-Experten mit allen möglichen Symptomen konfrontiert werden: vom aufgeschlagenen Kinderknie über Übelkeit bis zum Kreislaufkollaps. Am schwierigsten sind Situationen, in denen jemand reanimiert werden muss. Oder in denen der Retter den Patienten persönlich kennt und der Schreck, überhaupt die Emotion dem rationalen Handeln in die Quere kommen will.

Wunden versorgen und Angehörige beruhigen

Ebenso wie die heiklen Situationen bleiben aber auch die gut ausgegangenen Dramen in Erinnerung: Zum Beispiel, wie sich mal ein Kind an einem Findling den Kopf aufgeschlagen hatte und, das Gesicht blutüberströmt, von einer völlig aufgeregten Mutter, zu den Sanitätern gebracht wurde. In solchen Momenten gilt es nicht nur die Wunde zu versorgen, sondern auch die Angehörigen zu beruhigen. „Als wir dann das Gesicht gesäubert hatten, war nur noch ein Kratzer zu sehen. Pflaster drauf, und alles war wieder gut“, erzählt Hänisch. „In solchen Augenblicken wird klar, wofür man das alles tut.“

Mit derselben Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit gehen die Retter auch bei Wettbewerben zu Werke. Auch wenn dort „nur“ schauspielernde Kollegen und geschminkte Wunden in fiktiven Szenarien zu versorgen sind: Genau so könnte auch ein Ernstfall eintreten.

Wenn Gruppenführerin Jette Elftmann sowie ihr Team mit Reiko Lichtenberg, Philipp Buss, Marleen Hoppe, Franziska Mally und Pia Schink im September zum Bundeswettbewerb reisen, wird Andreas Hänisch als Betreuer dabei sein. Er freut sich schon darauf, seiner Truppe dort Rückhalt zu geben und zugleich Anregungen mitzubringen für die nächste Landesmeisterschaft in zwei Jahren. Die nämlich wird Neubrandenburg als Titelverteidiger ausrichten. Vor zwei Jahren war der Kreisverband schon mal als Gastgeber eingesprungen, weil die damaligen Sieger abgesagt hatten. Erfahrungen gibt’s also bereits, wiederholen indessen wollen sich die Viertorestädter nicht. „Aber wir haben von damals noch einen Plan B und Plan C im Hinterkopf, und an neuen Ideen wird es uns auch nicht fehlen“, verspricht Andreas Hänisch.

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