Sauerampfer mit Sperlingbraten:

Ausgleich für Spatzen in der Nudelsuppe

Not macht erfinderisch. Reinhard Bormann, Jahrgang 1940, erinnert sich: Nicht nur Sperlinge kamen auf den Tisch, auch Sauerampfer, Eicheln, Giersch und Brennnesseln. Angeregt durch die Vergangenheit, experimentiert er heute wieder mit Pflanzen.

Wiedergutmachung: Für die vielen Spatzen, die gleich nach 1945 in der Bormannschen Nudelsuppe landeten, baute Reinhard Bormann beinahe unzählige Spatzenhäuser – unter anderem dieses „Holstentor“.
Hartmut Nieswandt Wiedergutmachung: Für die vielen Spatzen, die gleich nach 1945 in der Bormannschen Nudelsuppe landeten, baute Reinhard Bormann beinahe unzählige Spatzenhäuser – unter anderem dieses „Holstentor“.

Am Haus von Reinhard Bormannn hängt ein Modell des Lübecker Holstentors, tadellos gearbeitet, sofort zu erkennen. Warum schraubte der Neubrandenburger das dort an? „Das ist ein Spatzenhaus. Eins von mehreren. Sozusagen als Wiedergutmachung dafür, dass wir so viele Sperlinge gegessen haben“, sagt Reinhard Bormann.

Das mit den Spatzen ist lange her, das war gleich nach 1945. „Essen war Gold wert damals – und Not machte erfinderisch. Wir fingen die kleinen Vögel, weil wir unter grimmigem Hunger litten“, erinnert sich der Ur-Leipziger, der seit den 60er-Jahren in Neubrandenburg lebt. An die mageren Jahre nach Kriegsende muss Reinhard Bormann, Jahrgang 1940, jetzt oft denken: „Schließlich will ich das alles meiner Enkeltochter erzählen, damit diese Zeit nicht ganz im Vergessen verschwindet“, sagt er.

Knusprig gebratene Brennnesseln

Im Februar 1945 wurde die Leipziger Familie Bormann ausgebombt, fand Unterschlupf bei der Urgroßmutter und den Großeltern in einem kleinen Dorf. Die Urgroßmutter war eine lebenskluge Frau, dadurch stand immer etwas zum Essen auf dem Tisch. „Im Frühjahr musste ich als Kind immer mit, um Brennnesseln für die Gänseküken zu schneiden. Ich mit Handschuhen, sie ohne“, erinnert sich Reinhard Bormann.

Einige der großen Brennnesselbätter wurden aussortiert – für die Familie. Was gerade vorhanden war, wurde mit Salz und Pfeffer gewürzt, mit rohem Ei vermengt und ganz dünn auf die Unterseite der Blätter gestrichen. Die wurden gefaltet, mit Ei und Mehl paniert und knusprig gebraten. „Lecker – das haben wir wieder probiert. Heute nehmen wir Gehacktes oder Mettwurst. Das ist sehr einfach, es kann sogar ein Opa wie ich noch anrichten“, lacht Reinhard Bormann.

Spatzen mit alten Gardinen fangen

Schwieriger war das mit den Spatzen. Anders als heute galten die kleinen Vögel in den Hungerzeiten nach dem Krieg als willkommene Bereicherung – in der Nudelsuppe, erzählt er. Dazu legten die Jungs unter die eine Seite eines großen, metallenes Scheffelsiebs einen Stein, so dass ein Einschlupf blieb. Unter das Sieb kam Futter. Die angelockten Sperlinge verhedderten sich dann in einer alten Gardine. „Wir fingen sie in Massen, es war ja nicht viel dran an einem Spatz. Heute tun sie mir leid, darum die Spatzenhäuser“, gesteht Reinhard Bormann.

Angeregt durch die Vergangenheit beschäftigt sich Reinhard Bormann in der Gegenwart viel mit dem Anbau der verschiedensten Pflanzen in seinem Garten. Dazu zählen auch exotische, die er leicht im Internet fand. „Dadurch hat sich unser Frischpflanzenverzehr drastisch erhöht. Und das ist gut so!“, findet er. Die hier empfiehlt er: die einjährige japanische Shiso, die dreiblättrige mehrjährige japanische Petersilie Mitsuba, Maca, eine Modepflanze aus den Anden, und Hei Tien Tsai, eine Pflanze mit Beeren für köstliche Marmelade.