Förderschüler auf "Rundreise":

Der lange „Ritt“ zur Schule

Um nach Neubrandenburg und wieder zurück zu gelangen, ist Marcel aus Ollendorf jeden Tag allein drei bis vier Stunden unterwegs. Damit ist er keinesfalls allein.

Dunkel ist es, wenn Marcel morgens von seiner Mutti Nicole verabschiedet und abends wieder begrüßt wird.
Ute Köpke Dunkel ist es, wenn Marcel morgens von seiner Mutti Nicole verabschiedet und abends wieder begrüßt wird.

In Ollendorf ist es ist noch stockfinster, wenn Marcel aus dem Haus geht. Kommt der Zehnjährige zurück, wird es bereits wieder dunkel. Marcel Thurm besucht das 32 Kilometer entfernte Überregionale Förderzentrum in Neubrandenburg, die ehemalige KÖS, und hat durch die lange Fahrzeit einen zehn bis zwölf Stunden langen Alltag.

Kein Einzelfall

Im Landratsamt sind die Probleme bekannt. Denn betroffen von der stundenlangen Fahrerei sind weitere Kinder. „Wir haben mehr als 1000 Schüler, die einen Anspruch auf individuelle Beförderung haben“, so Doris Kosz als zuständige Sach­gebietsleiterin.

So sind die meisten Schüler des Förderzentrums Fahrschüler. Insgesamt lernen hier 122 Kinder und Jugendliche. Nur vier von ihnen kommen aus der Viertorestadt. Zwölf wohnen im Internat. Alle anderen Schülerinnen und Schüler reisen jeden Tag mit verschiedenen Fahrdiensten in die Spezialschule in der Robert-Blum-Straße, erklärt Schulleiterin Andrea Menzel. Teilweise kommen sie sogar täglich aus Greifswald und Waren nach Neubrandenburg. Für die Erstellung der Fahrpläne könne der Kreis übrigens nichts, der zahlt am Ende nur die Rechnung.

Schüler, die am dichtesten wohnen, haben längste Fahrzeit

Die Fahrpläne werden von den Fahrdiensten selbst erstellt. Dabei kommen am Ende aber auch so absurde Ergebnisse heraus, dass die Neubrandenburger Schüler nicht etwa am Ende einer Tour abgeholt werden, sondern bereits ganz zu Beginn. Auf diese Weise haben jene Schüler, die am dichtesten wohnen, die längste Fahrzeit von allen.

In der Mecklenburgischen Seenplatte als Flächenlandkreis sind lange Wege ohnehin an der Tagesordnung. Entsprechend den Schuleinzugsbereichen müssen Schüler nicht nur zum Neubrandenburger Förderzentrum gebracht werden. Auch zum Sportgymnasium, zur Sprachheilschule, zum Einstein-Gymnasium nach Neubrandenburg oder für Musikbegabte nach Demmin ist ein Fahrdienst nötig.

Neben den Entfernungen wirken sich außerdem Wetter, Baustellen und das Verkehrsaufkommen un­kalkulierbar auf die Länge der Fahrzeit aus. Bereits bei der Auftragsvergabe des Transportdienstes an Subunternehmen werde auf den Einzugsbereich geachtet.

„Wir bemühen uns um die Optimierung der Fahrt­routen und prüfen regel­mäßig die Überschneidung bei der ­Linienführung“, betont der stellvertretende Amtsleiter im Schulverwaltungsamt, Siegfried Roloff. Gegenwärtig werde natürlich versucht, für Marcel aus Ollendorf die Fahrzeit zu verkürzen. 

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