Strom abgestellt:

Einfach mal das Licht anknipsen – unmöglich

Wenn der Strom erst einmal abgestellt ist, dann fangen die Probleme erst an. Das haben jetzt zwei junge Männer erfahren, die das Leben aus der Bahn geworfen hat.

Die beiden Männer hatten ihre Stromrechnungen nicht bezahlt. Auch wenn die Schulden getilgt sind, fehlt ihnen das Geld zum Anschalten.
Franziska Gabbert Die beiden Männer hatten ihre Stromrechnungen nicht bezahlt. Auch wenn die Schulden getilgt sind, fehlt ihnen das Geld zum Anschalten.

Als René Wascher* an einem Tag im September von der Arbeit nach Hause kam, war der Strom weg. Das hätte ihn nicht überraschen müssen, wenn er seinen Briefkasten öfter geleert hätte. Das tut er aber nur ungern, denn es steckte zumeist nichts Erfreuliches darin, kein lieber Brief, keine nette Postkarte. Statt dessen nur Rechnungen und Mahnungen. So viele, dass er schnell den Überblick verlor, was er zuerst bezahlen sollte. Und irgendwann wurde der Strom dann eben abgeschaltet.

Dabei lief es für den jungen Mann gerade ganz gut. Mit 13 Jahren wurde er in ein Kinderheim gesteckt. Er hat keinen Kontakt zu seiner Familie, er weiß nicht einmal, wo sie lebt. Und es gibt niemanden, der sich dafür interessiert, wie er lebt. Eine Lehre hat er abgebrochen, lebte lange von Sozialleistungen. Vor ein paar Monaten hat er einen Job in einem Call-Center gefunden. Die Arbeit kann manchmal anstrengend sei, aber sie gefällt ihm. Er hat schon den Arbeitsvertrag für das nächste Jahr unterschrieben.

Forderungen wuchsen dem jungen Mann über den Kopf

Allerdings hat ihn der Job auch irgendwie in seine missliche Lange gebracht. Zum ersten Mal im Leben musste er alle anfallenden Rechnungen mit selbst verdientem Geld begleichen. Zuvor hatte das Jobcenter Strom und Miete bezahlt. Wie man mit eigenem Geld umgeht und seinen Verpflichtungen nachkommt, hat er nie gelernt. Es dauerte nicht lange und die Forderungen wuchsen ihm über den Kopf. Nach Einschätzung der örtlichen Schuldnerberatung hat René Wascher trotz geregelter Arbeit keine Chance, bald wieder mal einfach das Licht anknipsen zu können. Nicht mal mit Überstunden.

Das Problem ist, dass der Stromversorger sowohl für das Abschalten und auch
das Anschalten insgesamt fast 180 Euro extra verlangt. Die sparen sich mit einem
Job beim Call-Center nicht mal eben so zusammen. Und das ihm Mama oder Papa
zum Fest mal einen kleinen Schein zustecken, darauf braucht er auch nicht zu warten.

Heiko Sander*, der zufällig in der gleichen Stadt wohnt, kennt das Problem. Bei ihm wurde der Strom schon im Mai abgeklemmt. Und wenn es nicht so zynisch wäre, dann könnte man behaupten, er hat ein paar ganz gute Strategien entwickelt, um damit zurecht zu kommen. Lebensmittel kühlt er zum Beispiel auf dem Balkon und Strom für sein Handy zieht er aus einem speziellen Akku, den er bei freundlichen Nachbarn auflädt. Das Handy muss schon sein, ohne würde ihm „die Decke auf den Kopf fallen“. Er schreibt nämlich Gedichte und mit dem Handy stellt er sie ins Internet, wo sie Gefallen finden.

Papierkram war die Sache der Freundin

Erst vor ein paar Jahren ist er mit seiner Freundin in die Stadt gezogen. Als die ihn verließ, „ist mein Leben aus den Fugen geraten“, gibt Heiko Sander unumwunden zu. Er habe alles laufen lassen und sich um nichts mehr gekümmert. Der Papierkram war Sache der Frau. Und irgendwann ging auch bei ihm das Licht nicht mehr an. Das Jobcenter hätte zwar die Stromschulden übernommen, allerdings nicht die Kosten für die Wiederinbetriebnahme und die Sperrung. Laut Schuldnerberatung wird auch Heiko Sander es aller Voraussicht nach nicht schaffen, das Geld dafür zusammenzukratzen. Schließlich stehen dem Hartz-VI-Empfänger pro Tag gerade mal sechs Euro zur Verfügung. Und die können schon mal für Essen drauf gehen.

Dass er bald einen Job findet, kann er nur hoffen. Ohne Ausbildung und mit einer kleinen Behinderung stehen die Chancen allerdings schlecht. Und er braucht sich auch keine Hoffnung auf die Hilfe ihm nahe stehender Personen zu machen: „Ich bin hier ganz allein, habe keine Verwandtschaft und keine Freunde, die mich unterstützen.“
*Name von der Redaktion geändert

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Kommentare (6)

Nachdem selbst die Kanzlerin zugeben musste, dass die Stromkosten vom Regelsatz zurzeit 391,- EURO) bezahlt werden müssen, frage ich mich woher Ihr Redakteur Matthias Diekhoff seine Informatinen bezieht, dass das Jobcenter die Stromkosten wie die Mietkosten bezahlen würde? Wieder läßt der Nordkurier eine saubere Recherche vermissen und bedient sich bei Stammtisch Weisheiten.

Das Job Center zahlt schon Miete und Strom direkt aus den Leistungen an die Stadtwerke usw. Wobei das Job Center ein Darlehn in Notfällen gewähren muss. Ich rate einen Anwalt wie Anwalt Kunath aus Neubrandenburg einzuschalten. Das Verfahren ist auch fast kostenlos. Man kann Gerichtskosten beihilfe oder eine Beratungsschein beim Gericht beantragen.

Auch wenn es viele erfolgreich verdrängen, ein Darlehn muss in den allermeisten Fällen zurück bezahlt werden. Wenn also gesagt wird das Jobcenter bezahlt, dann kann ein Darlehn nicht gemeint sein!

Natürlich muss ein Darlehn auch von Jobcenter zurück bezahlt werden, aber in kleinst Raten. Nach den Möglichkeiten des Hilfe suchenden. Alles andere ist vom Gesetzgeber auch nicht gewollt. Vielleicht kann man auch von den Stadtwerken ein Vorkasse zähler zu bekommen, das wäre auch eine Möglichkeit.

In den konkreten Fällen wurden Strom und Miete tatsächlich vom Jobcenter bezahlt. Allerdings wurde die Miete im Rahmen der Kosten für Unterkunft und Heizung vom Jobcenter gewährt. Die Stromkosten dagegen müssen von den Betroffenen aus dem Regelsatz von aktuell 391 Euro bezahlt werden, erklärt die zuständige Schuldnerberatung. Im Regelsatz sind auch Ausgaben für Bekleidung und Nahrung enthalten. Letztendlich wird aber auch der Regelsatz vom Jobcenter ausbezahlt. Vom Jobcenter gewählte Darlehen werden getilgt, indem die Raten bei der Auszahlung der Leistungen einbehalten werden. Im Endeffekt ist also in den genannten Fällen das Jobcenter sowohl für die Miete als auch für den Strom aufgekommen, unabhängig davon, ob die Beträge zuerst an den Bezieher der Leistungen gingen oder direkt an den Dienstleister.

Das im Endeffekt die Stromrechnung aus Leistungen des Jobcenters bezahlt wird habe ich nie bestritten. Die Behauptung das René Wascher erst mit selbst verdientem Geld seine Stromrechnung bezahlen musste ist weiterhin falsch. Beide Geschichten sind für mich unglaubwürdig.