DDR-Gerichte als Videokochbuch:

"Erichs Erbe" lebt hier weiter

Doris und Toni Schwabe haben eine gemeinsame Mission: Das kulinarische Erbe der ehemaligen DDR bewahren. Einmal im Monat treffen sie sich und verwandeln die Küche zur Filmkulisse.

Doris und Toni Schwabe bewahren das kulinarische Erbe der ehemaligen DDR mit einem Videokochbuch auf ihrer Webseite.
Charlott Resske Doris und Toni Schwabe bewahren das kulinarische Erbe der ehemaligen DDR mit einem Videokochbuch auf ihrer Webseite.

Zwölf Uhr - Mittagszeit. Draußen scheint die Sonne, drinnen ist die kleine Küche im Hause Schwabe zur Filmkulisse verwandelt worden. Rollläden runter. Zum Filmen wird nur Kunstlicht verwendet. „Wir wollen ja nicht, dass die Torte durch das Mischlicht grün aussieht“, sagt der junge Mann hinter der Kamera.  Mit schnellen Händen bindet sich Doris Schwabe die Küchenschürze um.

Wäre da nicht die Kamera, könnte es sich um ein normales Familienessen handeln. Ist es aber nicht. „Erichs kulinarisches Erbe – Das DDR Videokochbuch“, das ist der Grund, warum sich Mutter und Sohn getroffen haben.

Doris und Toni Schwabe arbeiten seit einem Jahr an dem gemeinsamen Projekt. Als Team wollen sie dafür sorgen, dass der „kulinarische Reichtum“ aus der ehemaligen DDR nicht verschwindet. In Anlehnung an das wohl markanteste Staatsoberhaupt der DDR, Erich Honecker, animieren sie Menschen, Lieblingsrezepte aus dem damaligen Leben zusammenzutragen. „Natürlich wollen wir Honecker auf die Schippe nehmen“, sagt der 26-jährige Toni grinsend und betont den ironischen Charakter des Titels. „Aber die Esskultur war trotzdem einzigartig“, ergänzt er schnell, bevor eine politische Debatte ausbricht.

Eine Esskultur, die sich in den Augen von Holger Gniffke, Küchenmeister und Geschäftsführer des Zentrums für Lebensmitteltechnologie, vor allem durch eine eingeschränkte Verfügbarkeit auszeichnete. „Ananas, heute ein Cent-Artikel, war damals beispielsweise sehr exklusiv. Die Gerichte in der DDR sollten in erster Linie einfach sein und die Menschen versorgen“, erklärt Gniffke.

Das Prinzip von „Erichs Erbe“ ist ganz einfach: Die 54-jährige Doris Schwabe kocht oder backt die eingeschickten Rezepte nach. Sie hat den Beruf Köchin in der DDR gelernt und ausgeübt. Ihr Sohn Toni ist gelernter Mediengestalter und filmt alles. Schritt für Schritt. Es entstehen kurze Videokochanleitungen, die auf der Internetseite www.erichserbe.de gesammelt werden.  Von Apfelplinsen über Soljankabis hin zum Zitronenflip findet man hier fast alles, was das ostdeutsche Herz begehrt. Mit dem Online-Kochbuch soll das das Nachkochen der Rezepte ganz einfach sein. „Ist es auch“, sagt Toni und lacht. Früher hat er sich bekochen lassen. Jetzt kann er es selber. Außer sonntags – da schaut er immer noch bei der Mutti vorbei.

Neunundneunzig Rezepte findet man bisher auf der Plattform. Einmal im Monat treffen sich Mutter und Sohn, um das Erbe zu erweitern. „Mittlerweile schaffen wir an einem Drehtag fünf bis sechs Gerichte“, erzählt Toni Schwabe. „Früher waren es weniger. Jetzt sind wir ein eingespieltes Team“, ergänzt Doris Schwabe.

Mit ihrem Konzept sind die Schwabes erfolgreich. Wenn man „DDR-Rezepte“ googelt, wird einem die Webseite der beiden schon in den ersten Suchergebnissen angezeigt. Mindestens zweihundert Besucher verzeichnet Toni täglich auf der Internetseite. Doch was begeistert Menschen heute noch am DDR-Essen, da es doch ganz andere kulinarische Möglichkeiten gibt? „Die Wissenschaft erweist, dass Geschmack eine Lernsache ist“, erklärt Lebensmitteltechnologe Holger Gniffke. „Die Zunge und die Nase mögen das Essen, mit dem man aufwächst.“  

Mittlerweile existiert das ostdeutsche Erbe nicht nur im Internet. „Holt euch die DDR auf den Teller!“, mit diesen Worten bewirbt Erichs Fanshop das Kochbuch. Mit einer gedruckten Sammlung wird das virtuelle Erbe in die Realität übersetzt. „Wir verbinden das traditionelle Buch mit neuen Medien: Zu jedem Rezept gibt es QR-Codes. Mit denen kann man die Videos im Internet schnell und unkompliziert aufrufen“, erklärt Toni Schwabe. Über ein Jahr haben Doris und Toni Schwabe jetzt schon gesammelt, gekocht, gebacken, gedreht und geschnitten. Warum? „Uns hat es damals super geschmeckt. Deswegen.“

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