Kleine Messe lädt zur Weltreise ein:

Im Bahnhof machen Genießer gerne Halt

Was unterscheidet eine Havanna von einer Shortfiller? Warum arbeitet eine kubanische Torcedora ganz anders als eine holländische Cigarren-Rollerin? Aus welchem Grund mischen Schotten Bitterschokolade mit Senf? Antworten gibt es auf einem Messebesuch, der zum Bildungsausflug wird.

Aus Liebe zum Handwerk wandelte sich Franziska Richert von der Tourismusfachfrau zur Zigarrenrollerin. Sie zeigt ihre Kunst im Neubrandenburger Güterbahnhof.
H. Nieswandt Aus Liebe zum Handwerk wandelte sich Franziska Richert von der Tourismusfachfrau zur Zigarrenrollerin. Sie zeigt ihre Kunst im Neubrandenburger Güterbahnhof.

Wie wird aus einer jungen, hübschen studierten Tourismusfachfrau eine Zigarrenrollerin? Ganz einfach: Holländische Vertreter machen im kleinen Gasthof der Familie, der sich in der Gegend von Ziesar bei Magdeburg befindet, Werbung für Shortfiller-Zigarren. Franziska Richert ist sehr angetan von dem feinen Handwerk, das man beherrschen muss, um diese Zigarrensorte zu rollen. Da sagen die Holländer zu Franziska: Komm’ doch einfach mit. Und so geschieht es. Jetzt reist die junge Frau durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz und zeigt überall gern, wie Shortfillers gerollt werden.

Wo kann man solche Geschichten hören, einmal an einer duftenden holländischen Zigarre riechen oder sich gar eine anzünden? Bei Britta Wutschke, der Neubrandenburger Geschäftsfrau, die am Sonnabend in den Güterbahnhof zu ihrer dritten Hausmesse einlud. Diese Messe nennt die Inhaberin eines Tabak-Fachgeschäftes „Die Genuss“. Wieso ,die‘? „Ein bisschen zum Stolpern, damit der Gast schon daran spürt, dass wir etwas Besonders für ihn haben“, begründet Britta Wutschke das.

Doch zurück zu Franziska Richert, die erklärt, was Shortfiller-Zigarren sind: „In Lateinamerika, also in Kuba zum Beispiel, drehen die Zigarrenmacher ganze Tabakblätter zu kleinen Kunstwerken zusammen. Shortfiller hingegen sind eine niederländische Tradition, bei der die Zigarre eine klein geschnittene Einlage erhält.“ Gelernt hat sie die hohe Kunst, die sie zur „Cigarrenrollerin“ macht, bei Tinus Vinke in Kampen in Holland. Tinus Vinke ist 87-jähriger Meister seines Faches, der in seinem Handwerk schon seit 73 Jahren arbeitet. Und das in der Zigarrenfabrik „De Olifant“ (Der Elefant), die bereits seit 1826 besteht und heute Zigarren zumeist mit modernen Maschinen herstellt. Für diese Fabrik arbeitet jetzt auch Franziska Richert, die diese traditionelle Handwerkskunst in Neubrandenburg präsentierte. 

Neubrandenburger Messegäste, die sich ansehen wollten, wie eine klassische kubanische Havanna gerollt werden, brauchten im Güterbahnhof nur ein paar Schritte weiter zur Torcedora (Zigarrenrollerin) Yoanka Pino Hernandez zu schlendern, die ihren Beruf in der kubanischen Hauptstadt Havanna erlernte. Mit den Blättern unterschiedlicher Tabak-sorten, die sie in die Zigarre einrollt, steuert sie den Geschmack – mal milder und mal kräftiger, so wie es gewünscht wird.

Das Mundstück fertigt Yoanka Pino Hernandez extra und nutzt einen Stärkekleber aus Maniok, um damit die Zigarre zuzukleben. Schließlich gilt es, das Aroma vor dem Verfliegen zu bewahren. Zum Schluss wird das schönste Tabakblatt als Deckblatt straff um das kleine Kunstwerk gewickelt. Auch Yoanka gönnt sich ab und zu eine Zigarre – wenn sie Zeit und Muße dazu hat.

Zeit und Muße sind auch die wichtigsten Stichworte der „Genuss“, erklärte Britta Wutschke. Und wer dem Tabak oder dem Alkohol in Form ausgestellter edler Spirituosen nicht so gewogen war, lenkte seine Schritte zu Petra Peter von einem Neubrandenburger Confiserie-Geschäft, die zum ersten Mal Schokolade in fast allen möglichen Formen ihrer Erscheinungsweise ausstellte. Oder zu Diethard Scheit, der mit Feinkostprodukten aus Schottland und anderen Ländern angereist war. Bei ihm gab es zum Beispiel Senf mit dunkler, bitterer Schokolade.

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