Überraschende Leserfrage:

Jüdische Grabsteine unter Parkplatz verbuddelt?

Ein Viertorestädter erwartet von der Kommune, dass sie die Zeugnisse der schrecklichen Vergangenheit sichert. Stadtarchivarin und Denkmalschützer zeigen sich überrascht.

Eleonore Wolf und Burkhard Prehn kennen sich mit dem jüdischen Leben in Neubrandenburg bestens aus. Wer Fragen dazu hat, kann sich gern an sie wenden.
Hartmut Nieswandt Eleonore Wolf und Burkhard Prehn kennen sich mit dem jüdischen Leben in Neubrandenburg bestens aus. Wer Fragen dazu hat, kann sich gern an sie wenden.

„Wie ich jetzt von einem Zeitzeugen erfuhr, wurden nach Kriegsende und bei der Errichtung des Katharinenviertels in den 1980er Jahren viele Grabsteine der einstigen jüdischen Mitbürger auf dem Divi-Parkplatz vergraben. Wann sichert die Stadt Neubrandenburg diese Überreste?“ Mit dieser Frage wandte sich unser Neubrandenburger Leser Gunter Lauck an den Nordkurier. Wir gaben die Frage weiter an Eleonore Wolf, Leiterin des Stadtarchivs, und Burkhard Prehn von der Unteren Denkmalbehörde Neubrandenburg. Beide zeigten sich überrascht, wollen der Sache aber nachgehen.

„Einmal abgesehen davon, dass es den Divi-Supermarkt vor der Wende gar nicht gab, klingt es nicht plausibel, dass dort Grabsteine jüdischer Mitbürger vergraben wurden“, sagt Eleonore Wolf. Burkhard Prehn schließt nicht aus, dass es sich um eine Verwechslung handelt. Anfang der 1970er Jahre wurde an der Straße der Befreiung (heute Woldegker Straße) die Baugrube für das neue Gebäude der Tageszeitung „Freie Erde“ ausgehoben. Der Aushub aus der riesigen Grube, grober Kies, kam zur Befestigung auf die Zirkuswiese an der Schillerstraße. Die Wiese hat zwar nichts mit dem späteren Divi-Parkplatz zu tun. Aber weil es auf letzterem auch Rummel und eine Traglufthalle gab, entstand vielleicht die Legende, dass Aushub-Materialien und damit Grabsteine auf das Divi-Gelände kamen, vermutet Burkhard Prehn. "Andererseits sind wir natürlich dankbar für jeden Hinweis. Zumal bis heute nicht klar ist, wo alle rund 100 Grabsteine vom Jüdischen Friedhof geblieben sind. Umgebettet wurden nur 26."

Wider die jüdische Religion

Der Jüdische Friedhof befand sich seit 1866 auf dem Gelände nordwestlich der Straßenkreuzung Woldegker Straße/Feldstraße. 1940 wurde der Friedhof auf Druck der nationalsozialistischen Stadtvertreter aufgehoben. Ein Jahr später erfolgte – wider die jüdische Religion – die zwangsweise Umbettung von 26 Gräbern auf den Alten Friedhof an der Katharinenstraße.

Weil dort in den 1960er Jahren drei Hochhäuser errichtet wurden, bettete man 1965 die Gebeine ein weiteres Mal um. Diesmal in ein gemeinsames Grab im südwestlichen Bereich des Alten Friedhofs. 1988 schließlich wurden die menschlichen Überreste der jüdischen Gräber an einen unbekannten Ort gebracht. Hintergrund waren die Erschließungsarbeiten für das neue Wohngebiet Katharinenstraße.

Die Grabsteine der jüdischen Gräber hatten ein anderes Schicksal. Anfang der 1970er Jahre wurde der Alte Friedhof geschlossen. Im Auftrag der Stadt kümmerte sich Steinmetzmeister Richard Dassow um die Steine, lagerte sie ein. Im Jahr 2008 wurde der Synagogenplatz an der Poststraße neu gestaltet. Dort stand die 1877 erbaute Neubrandenburger Synagoge, bis die Nazis sie in der Reichskristallnacht am
9. November 1938 niederbrannten. Bei der Neugestaltung wurden 2009 die jüdischen Grabsteine einbezogen.

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