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Kein Mittel gegen das Schrumpfen der Dörfer?

„Wüstung“ – so lautet der Fachbegriff für eine Siedlung, in der keine Menschen mehr leben. Eine Wissenschaftlerin hat unter anderem in Gültz untersucht, wann hierzulande die ersten Wüstungen drohen. Ihre verblüffende Antwort: Gar nicht. Hält dieser Einschätzung die Realität stand?

Das Gültzer Schloss – einst Perle, heute Trauerspiel. Der Eigentümer, eine Schweizer Immobiliengesellschaft, will es los werden.
Christina Weinreich Das Gültzer Schloss – einst Perle, heute Trauerspiel. Der Eigentümer, eine Schweizer Immobiliengesellschaft, will es los werden.

Obwohl die Dörfer im Nordosten auch in Zukunft weiter schrumpfen werden, wird selbst auf lange Sicht kaum ein einziges Dorf ­wirklich komplett aussterben. Zu diesem Ergebnis kommt die Wissenschaftlerin Anja Reichert-Schick bei einer Forschungsarbeit in Vorpommern, die sie unter anderem auch nach Gültz führte.

Gegen das Schrumpfen der Dörfer gibt es kein Mittel, wohl aber gegen das Absinken der Lebensqualität auf dem Land – so das kurz gefasste Ergebnis. Denn die Kosten für alle, die noch auf den Dörfern leben, steigen von Jahr zu Jahr – und immer stärker. Das betreffe nicht nur die Ausgaben für Wasser, Strom und Straßen, sondern auch die Kosten für Dienstleistungen, Lebensmittel und manches andere, was in den Städten inzwischen billiger sei als auf dem Land.

Um gegenzusteuern, sei zwar die Eigen­initiative vor Ort wichtig, sagt Reichert-Schick: „Aber die Politik fordert dieses Engagement inzwischen in einem Maße ein, das ich nicht mehr für vertretbar halte.“ Ähnlich sieht es Barbara Tramp-Wangerin, Bürgermeisterin von Gültz. „Staat und Politik müssten mehr tun. Junge Menschen kommen ja zurück. Unsere Kita war mal vom Aussterben bedroht, heute werden hier 41 Kinder von Krippe bis Hort betreut. Das ist eine große Chance.“ Doch die Gestaltung des Lebens auf dem Dorf werde immer schwerer, viele Angebote fehlten inzwischen.