Eltern in Sorge:

Missbrauchsopfer läuft Täter immer wieder über den Weg

In einem Dorf bei Altentreptow ging tagelang große Sorge bei Eltern um. Ein wegen sexuellen Missbrauchs verurteilter junger Mann leistete in dem Ort Sozialstunden, in dem auch ein Opfer lebt. Da ist „was schief“ gelaufen, räumt das Gericht ein.

Wenn Kinder zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden, ist es schwer, mit dieser Erfahrung fertig zu werden. Den Täter dann Jahre später im eigenen Ort wiederzusehen, weckt die bösen Schatten der Vergangenheit wieder neu.
Patrick Pleul Wenn Kinder zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden, ist es schwer, mit dieser Erfahrung fertig zu werden. Den Täter dann Jahre später im eigenen Ort wiederzusehen, weckt die bösen Schatten der Vergangenheit wieder neu.

Ein Opfer von sexuellem Missbrauch, das dem Täter tagtäglich wieder über den Weg laufen muss – wie kann das passieren? Eine besorgte Frau aus einem Dorf in der Region meldete sich deshalb beim Nordkurier. Sie berichtet von dem jetzt 19-jährigen Täter, der im August wegen fünffachen Missbrauchs zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde. Abgesehen davon, dass sie das Urteil viel zu milde findet, kann sie nicht verstehen, dass er seine Sozialstunden bei der Kirchengemeinde in seiner Heimat leisten darf „und das Opfer ihm jeden Tag über den Weg läuft. Auch ich und viele Nachbarn trauen sich nicht mehr, unsere Kinder frei laufen zu lassen. Wir werden in unserer Freiheit beschnitten. Ich habe das Gefühl, wir und unsere Kinder werden bestraft und nicht der Täter“, schreibt sie. Bei dem Opfer handle es sich um einen jetzt zwölfjährigen Jungen, zur Tatzeit sei er zehn gewesen.

Auf Nachfrage bestätigt Richter Carl Christian Deutsch, dass da „etwas schief gelaufen“ sei. Ziel sei es nach dem Urteil gewesen, dass der Jugendliche „von zu Hause wegkommt. Er sollte in ein betreutes Wohnen und dort seine Sozialstunden leisten“, erklärt der Vizepräsident des Landgerichts Neubrandenburg und Vorsitzende der Jugendkammer. Denn der junge Mann ist nicht zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Über die Schwere der Vorwürfe in dem jüngsten Verfahren macht der Richter keine Angaben, es habe sich aber nicht um Vergewaltigung gehandelt, sonst wäre das Urteil auch nach dem Jugendstrafrecht anders ausgefallen, so Carl Christian Deutsch.

Er konnte inzwischen klären, wie es zu den Sozialstunden des Täters im Wohnort seines Opfers kam. Nach der Urteilsverkündung dauere es ein paar Tage, bis das Urteil auch geschrieben und an die Bewährungshilfe übergeben sei. In dieser Zeit habe sich der Verurteilte bereits selbst an die Kirchengemeinde gewandt, weil er dort früher schon Stunden geleistet habe.

Man muss den Menschen Chancen geben

Der zuständige Pastor bestätigt das. „Er ist zu mir gekommen. Ich wollte ihm helfen, denn er kommt aus nicht ganz leichten Verhältnissen und hat schon mal Stunden bei mir geleistet. Da sind wir gut klar gekommen“, berichtet er. Weshalb der junge Mann diesmal verurteilt worden war, habe er nicht gewusst, auch nicht, dass ein Opfer im Dorf wohnte. „Man muss den Menschen eine Chance geben, ich sehe das als diakonischen Auftrag“, so der Pastor.

Nach Angaben von Carl Christian Deutsch wurde die Arbeit des jungen Mannes bei der Kirchengemeinde jetzt beendet. Es sehe so aus, als wenn er nun in einem Betreuten Wohnen untergebracht werden könnte.

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