Drogen:

Wenn Mutter trinkt und der Sohn keinen Ausweg weiß

Das Schicksal treibt die Frau an die Flasche. Langsam, fast unbemerkt, verfällt sie der Sucht. Ihre Kinder sind verzweifelt, lassen die Enkel nicht mehr zu ihr. Können sie die Frau retten? Schließlich geht der Sohn zur Suchtberatung und sucht Hilfe.

Gabi Cierkowski vor dem Giebeleingang an der Seite des Gebäudes. Abseits vom quirligen Haupteingang können Besucher hier unbemerkt zur Beratung gehen.
H. Nieswandt Gabi Cierkowski vor dem Giebeleingang an der Seite des Gebäudes. Abseits vom quirligen Haupteingang können Besucher hier unbemerkt zur Beratung gehen.

,Meine Mutter trinkt schon seit längerer Zeit zu viel Alkohol. Ich mache mir große Sorgen und weiß nicht, wie ich ihr das sagen soll. Erst habe ich ihr Trinken überspielt, später nahm ich die leeren Flaschen mit und warf sie in die Tonne. Mittlerweile kontrolliere ich meine Mutter immerzu, besuche sie, rufe an. Ich merke sofort, wenn sie wieder zur Flasche gegriffen hat. Unsere Kinder können wir ihr schon lange nicht mehr anvertrauen, obwohl wir ihre Hilfe als Oma öfter benötigen würden. Wenn wir ihr die Kinder nicht geben, versteht sie das nicht und ich muss mir ständig Ausreden einfallen lassen, warum sie ihre Enkel nicht bei sich behalten kann. Ich komme gar nicht mehr zur Ruhe, so kann das doch nicht weitergehen, die ganze Familie leidet darunter. Was soll ich bloß tun?‘

„Das schilderte mir traurig und verzweifelt ein junger Mann, der zum ersten Mal zu uns in die Suchtberatungsstelle kam und Hilfe suchte“, erzählt Gabi Cierkowski, Suchttherapeutin im Suchthilfezentrum unter dem Dach des Hauses der Begegnung in Neubrandenburg. Was macht es so schwierig, ihre Mutter direkt zum Alkoholtrinken zu fragen, sagte sie zum jungen Mann. ,Meine Mutter verlor vor Jahren den jüngsten Sohn durch einen Unfall. Und jetzt hat sie auch noch ihr Lebensgefährte verlassen. Sie leidet sehr darunter und glaubt, dass sie keiner versteht. Ich bin so hilflos, weiß nicht, wie ich ihr helfen soll‘, antwortete der junge Mann noch trauriger“, erzählt Gabi Cierkowski die Geschichte weiter.

Im Gespräch danach erfuhr der junge Mann von Gabi Cierkowski, dass seine Mutter ihr Trinkverhalten vermutlich nicht selbst in den Griff kriegt und darum Hilfe braucht. Und er erhielt von der Therapeutin Hilfs-angebote, die sich so anhörten: „Sehr oft müssen sich auch die Angehörigen ändern. Meist erwarten sie nur, dass sich der Trinkende ändert. Aber das Trinken hat seine Ursachen auch im Umfeld. Warum sagen sie nicht ganz direkt: Mensch Mutti, wir wollen dir nicht zu nahe treten, aber du trinkst zu viel. Wir wollen dir helfen – wir begleiten dich gern zur Beratung.“

Der junge Mann kam nach der ersten Beratung nicht wieder, seine Mutter ließ sich bis heute überhaupt nicht sehen. Nach zwei bis fünf Jahren wird sie der Frau begegnen, allein oder mit ihrem Sohn, sagt Gabi Cierkowski aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie seit weit über 20 Jahren im Beruf sammelte. Es ist möglich, dass die Frau von sich aus zur Beratung geht, weil sie endlich ihr Leben ändern will, endlich ihre Enkel haben möchte. Vielleicht hat sie auch einen guten Hausarzt, der ihr zu einer Entzugsbehandlung in der Klinik rät. „Oder aber, die Frau schafft es, von allein aufzuhören. Das gelingt den meisten aber nicht“, weiß Gabi Cierkowski.

Bei Frauen beginnt die Sucht meist leise und unauffällig: Die Zigarette und der Kaffee zum Entspannen, ein Glas Cognac zum Ärger runterspülen, ein Fläschchen Rotwein zum verdienten Feierabend, bei Schmerzen durch Stress oder Überlastung ein paar Tabletten oder einen Magenbitter. Das erscheint vielen Menschen nicht als unnormal. Bei der Mutter des oben genannten jungen Mannes könnten die Schicksalsschläge, über die sie nicht hinwegkam, Auslöser für den immer häufigeren Griff zur Flasche sein.

Der Anteil der Frauen, die abhängig werden vom Alkohol, wird stetig größer, liegt inzwischen bei mehr als 30 Prozent. Die Situation der Frauen änderte sich in den vergangenen Jahrzehnten -  und damit auch ihr Trinkverhalten, erklärt Gabi Cier-kowski. Leistungsdruck bestimmt in der heutigen Gesellschaft mehr und mehr ihr Leben, die Frauen suchen Orientierung und ihre Identität. Das heißt: nicht nur gute Ehefrau sein und fürsorgliche Mutter, sondern sich auch als zielstrebige und selbstbewusste berufstätige Frau zu behaupten. Persönliche Wünsche und gesellschaftliche Erwartungen klaffen oft weit auseinander, wenn sich Frauen im Rollenkonflikt zwischen Berufsleben und Familie entscheiden müssen, beschreibt Gabi Cjiernowski das besondere Spannungsfeld, dem viele Frauen ausgesetzt sind.

 

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