Lehrstunde:

Bischof im Knast, aber nur als Gast

Es gibt keinen Inhaftierten, der einen Schulabschluss mitgebracht hat. Das Einstiegsalter im Umgang mit Drogen lag vor fünf Jahren noch bei 14 bis 15 Jahren. Jetzt greifen schon Elfjährige zu. Erschreckende Fakten, dennoch hat jeder eine zweite Chance verdient, ist das Motto der Jugendanstalt. Und davon hat sich jetzt auch der Landesbischof ein Bild gemacht.

Landesbischof  Gerhard Ulrich, hier im Gespräch mit Betreuer Maik Vitense, auf dem Weg durch die Neustrelitzer Jugendanstalt.
Anett Seidel Landesbischof  Gerhard Ulrich, hier im Gespräch mit Betreuer Maik Vitense, auf dem Weg durch die Neustrelitzer Jugendanstalt.

„Das Bier hat dir doch früher geschmeckt, das ist doch deine Sorte.“ Der Jugendliche gegenüber hält die Arme vor der Brust verschränkt und lehnt die Flasche Bier seiner Kumpel ab. Immer wieder reden diese auf ihn ein, sich doch nicht so zu haben. Immer wieder wiederholt der andere, dass er im Gefängnis erkannt hat, dass er mit Alkohol nicht weiter kommt. Stattdessen will er sein Leben umkrempeln und schließlich für seinen Sohn sorgen. Dann kommt Psychologin Katja Lehmann dazwischen.

Ablehnungstraining steckt hinter dem Rollenspiel im Knast. Eine Gruppenstunde im Rahmen der Suchttherapie kann sich ein Außenstehender so vorstellen. Am Dienstag machte sich auch der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Gerhard Ulrich, während seines zweiten Besuchs in der Jugendanstalt, ein Bild, wie in der Einrichtung mit straffällig gewordenen Jugendlichen gearbeitet wird.  „Ich habe mich auf den Termin gefreut“, fügte der Landesbischof hinzu. Er hat sich unter anderem über die Resozialisierungs- und Reintegrationsprojekte der Einrichtung informiert. Er machte auf die besondere Zeit im Advent aufmerksam, die in einem für die Insassen, aber auch für die Mitarbeiter verschlossenen und von Mauern umgebenen Haus eine besondere Anspannung bedeutet. In Neustrelitz, so betonte Jugendanstaltsleiter Bernd Eggert, werde aber nicht verwahrt. Die Infrastruktur lasse es zu, das Projekte umgesetzt werden können.

Die Suchttherapiestunden wurden beispielsweise vor zwei Jahren in Neustrelitz ins Leben gerufen. Sechs Gefangene sind derzeit auf der Station, die aufgrund ihrer Sucht straffällig geworden seien, sagte Betreuer Maik Vitense. Er sprach von Beschaffungskriminalität,  aber auch von dem zunehmenden Problem des Konsums alternativer Drogen. „Lag der Einstieg vor fünf Jahren noch im Alter bei 14 bis 15 Jahren, so greifen jetzt schon Elfjährige zu den Drogen.“

Derzeit lasse es die Bevölkerungsentwicklung zu, dass sich in Neustrelitz intensiv auch mit schweren Fällen auseinandergesetzt werden kann. 350 Jugendliche waren noch vor einigen Jahren inhaftiert, nun seien es „200 Gäste weniger“, hieß es. Die durchschnittliche Verweildauer liege  bei anderthalb Jahren. Jedem der Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen straffällig geworden sind, wird in Neustrelitz angeboten, Schulabschlüsse oder sogar Berufsausbildungen zu absolvieren. „Die Netzwerke reichen über die Gefängniszeit hinweg“, betonte der Leiter.

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung