Hinter Gittern:

Das Baby muss auch in den Knast

Ein kleiner Junge wird seine ersten Lebensmonate im Gefängnis verbringen. Das steht schon fest. Denn die werdende Mutter sitzt bereits in der Jugendanstalt Neustrelitz ein. Für ein Jahr und neun Monate. Und der Vater des Kindes ist nicht weit weg von der Mutter untergebracht.

Der Mutter-Kind-Bereich der Jusitzanstalt. Dort können maximal zwei Mütter mit zwei Kindern aufgenommen werden.
Marlies Steffen Der Mutter-Kind-Bereich der Jusitzanstalt. Dort können maximal zwei Mütter mit zwei Kindern aufgenommen werden.

Nicht ganz vier Wochen hat Juliane (Name von der Redaktion geändert) noch Zeit, sich auf ihre neue Rolle als Mutter vorzubereiten. Juliane ist 17 Jahre alt und sie sitzt seit Jahresbeginn in der Jugendanstalt Neustrelitz ein. Ihr Kind – es wird ein Junge sein – wird die ersten Monate seines Lebens hinter Gittern verbringen – gemeinsam mit seiner Mutter. Als Entbindungstermin ist der 26. Juni berechnet. Juliane sitzt für ein Jahr und neun Monate im Gefängnis. Sie wurde wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu dieser Freiheitsstrafe verurteilt.

Sozialarbeiterinnen helfen den jungen Müttern

In  der Neustrelitzer Jugendanstalt ist es indessen nicht das erste Mal, dass Mütter mit Neugeborenen ihre Haftstrafe absitzen. Der Nachwuchs von Juliane wird der bereits vierte Neuankömmling sein. Aktuell verbüßt noch eine junge Mutter mit einem vier Monate alten Kind ihre Haftstrafe, sie steht jedoch kurz vor der Entlassung, sagt Anstalts-Pressesprecher und Sozialarbeiter Steffen Bischof. Wobei Bischof andere Worte für die Haftstrafe findet. „Betreutes Wohnen mit verbindlichem Aufenthalt“, nennt er es. Das Projekt sei einzigartig in der Bundesrepublik. Dies, weil die Jugendanstalt erfahrene Partner in Sachen Sozialarbeit mit ins Boot geholt hat – die Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Den jungen Müttern stehen Sozialarbeiterinnen zur Seite. Sie sollen beraten und helfen, es geht meistens um ganz einfache Dinge im Leben,  es geht um einen strukturierten Tag, darum, nicht vor den Aufgaben wegzulaufen, sondern sich ihnen zu stellen. Im Fall von Juliane heißt das erst einmal, Anträge ausfüllen und dafür sorgen, dass die Erstausstattung fürs Baby schon da ist. Entbinden wird Juliane voraussichtlich im Neustrelitzer DRK-Krankenhaus. Sicherheitskräfte aus der Justizanstalt werden dabei mit vor Ort sein. 

Bettchen und Wickeltisch sind schon vorbereitet

Dem kleinen Zimmer, in dem schon das Bettchen für den Junior steht, sieht man auf den ersten Blick nicht an, dass es ein Gefängnisraum ist. Bis die vergitterten Fenster sichtbar werden.... Bezogen ist das Bettchen schon, über dem Kopfteil hängt ein lustiges Mobile. Auf dem Wickeltisch liegen Strampler und klitzekleine Strickschuhe...

Die werdende Mutter ist im Interview mit dem Nordkurier sehr zurückhaltend.  Bei ihren Straftaten war sie es allerdings nicht. Juliane  hat in Rostock unter anderem eine Tankstelle überfallen und einen Mann mit einem Messer bedroht. Da war sie schon vorbestraft, weil sie  mit ihrem Freund und einem bislang unbekannt gebliebenen Mittäter an einem Raub aus einer Wohnung beteiligt war. Die dort gestohlenen Gegenstände wurden später bei ihr gefunden.

Eine Chance, das Leben umzukrempeln

Für Steffen Bischof  ist die kriminelle Karriere von Juliane jedoch nichts Ungewöhnliches. Das Mädchen hat seit ihrem 8. Lebensjahr in betreuten Einrichtungen gelebt, sie hat keinen Schulabschluss. Der Knast-Aufenthalt ist auch eine Chance für sie und beschert ihr für einen überschaubaren Zeitraum ein geordnetes Leben. Das spürt wohl auch Juliane. Sie sagt, dass sie sich im Mutter-Kind-Bereich gut aufgehoben fühlt. Besser als an allen anderen Orten, an denen sie bislang war.

Immerhin, seit sie weiß, dass sie schwanger ist, nimmt sie keine illegalen Drogen mehr. Marihuana sei es sonst gewesen, bekennt die 17-Jährige. Das Kind wollte sie unbedingt. Und wie es aussieht, wird der Kindsvater seinen Sohn auch von Anfang an begleiten können. Denn auch der 21-Jährige sitzt in der Jugendanstalt Neustrelitz ein. Für drei Jahre. „Wir werden dafür sorgen, dass der Vater sein Kind auch betreuen und versorgen kann. Auch er muss Verantwortung übernehmen, soll lernen, was es heißt, ein Kind zu haben, kündigt Steffen Bischof an.