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Gleis zum Gedenken

VonSusanne SchulzWeil Altstrelitz nicht mehr ist, wie es einst war, fanden die hiesigen Initiatoren von Stolpersteinen für das Gedenken an die Opfer ...

Ein Stück Schiene hat Ernst Dörffel bereits als „Grundstock“ für das geplante Denkmal erhalten – unten der Entwurf des Berliner Bildhauers Achim Kühn.   F  OTO: Susanne Schulz

VonSusanne Schulz

Weil Altstrelitz nicht mehr ist, wie es einst war, fanden die hiesigen Initiatoren von Stolpersteinen für das Gedenken an die Opfer nationalsozialistischen Terrors eine andere Lösung.

Neustrelitz.Erstaunlich, dass diese Situation nicht schon in anderen Städten aufgetreten sein sollte: „Nie gehört“, meinte Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig auf die Frage aus Neustrelitz, auf welche Weise Opfer nationalsozialistischer Gewalt und Verfolgung gewürdigt werden, wenn ihre einstigen Adressen nicht mehr existent sind. Nachdem in der Residenzstadt im vorigen Jahr eineReihe Demnig’scher Stolpersteine vor Wohnhäusern verlegt wurde, stand Ernst Dörffel als Initiator des hiesigen Gedenkens jetzt vor eben diesem Problem, als er eine Fortsetzung in Altstrelitz auf den Weg bringen wollte: Der Stadtteil war 1945 weitgehend zerstört worden; der Neuaufbau indes folgte nicht immer den einstigen Straßenzügen. Sollten Stolpersteine – von denen der Kölner Künstler Demnig seit 1990 europaweit 35000 Stück verlegte – stattdessen in heutige Parkplätze oder Rasenflächen eingelassen werden?
Dörffel und seine Mitstreiter fanden eine andere Lösung: Eine Gedenkstele soll an die Altstrelitzer Opfer erinnern. Künstler wurden um Gestaltungsideen gebeten, von auch manch einer „kein Interesse“ oder „anderes zu tun“ hatte. Unter drei, vier Entwürfen schließlich favorisierte die Arbeitsgruppe den des Berliner Kunstschmieds und Bildhauers Achim Kühn, der unter anderem das Eingangsportal zum Kröpeliner Tor in Rostock, die Klingende Blume im Treptower Park in Berlin und eine Stahlskulptur zum Gedenken an dieWiderstandsgruppe „Rote Kapelle“ schuf. Sein Entwurf für Altstrelitz sieht eine mit den Namen von 40 NS-Opfern versehene Stele vor, die von einer Schiene durchbrochen ist – als Reminiszenz an die vielfache Deportation per Güterwaggon.

Auf Spendenaufruf
bislang positive Resonanz
So ein drei Meter langes Stück Schiene hat ErnstDörffel bereits als Spende erhalten. Bei der Streckenerneuerung nahe dem Südbahnhof demontiert, stammt es mit Sicherheit aus jener Zeit, da Züge in die Vernichtungslager rollten, weiß der Mediziner. Damit das sechs Tonnen schwere Gleis in die Bildhauerwerkstatt nach Berlin gelangt, ist nun jede Unterstützung – am besten eines Fuhrunternehmens – willkommen.
Beim Werben um Geldspenden – aufzubringen sind 8000 Euro – hat Dörffel bislang durchweg positive Resonanz erhalten. Auch der Altstrelitzer Kulturstammtisch unterstützt sein Engagement. Die Einweihung des Denkmals soll am 9. November, dem 75. Jahrestag der nationalsozialistischen Pogromnacht stattfinden.
Vervollständigt wird zuvor die Zahl der Stolpersteine in Neustrelitz: Am 4. Juni kommen fünf Gebäude hinzu zur hiesigen Gedenklandschaft. Bereits am Abend des 3. Juni kommt Gunter Demnig zu einem Filmgespräch in dieAlte Kachelofenfabrik.

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susanne.schulz@nordkurier.de