Seit 70 Jahren auf der Suche:

Ist Fritz Schippers der Tote im Grab Nr. 158?

Sie suchen schon fast 70 Jahre. Nie haben sie den erlösenden Satz gehört: Ja, wir haben Fritz Schippers gefunden. Nie. Aber Uwe und Stefan Schippers haben die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann doch noch zu erfahren, warum sich die Spur von Fritz Schippers, ihrem Vater und Großvater, 1945 in Neustrelitz verliert.

Uwe und Stefan Schippers (von links) sind auf Spurensuche gegangen: Wo ist Fritz Schippers geblieben?
Marlies Steffen Uwe und Stefan Schippers (von links) sind auf Spurensuche gegangen: Wo ist Fritz Schippers geblieben?

Jetzt waren Uwe und Stefan Schippers aus Ravensburg am Bodensee in der Nordkurier-Redaktion und haben ihre Geschichte erzählt. Auch hier wieder die Hoffnung: Vielleicht erinnert sich noch jemand. Fritz Schippers kam in Königsberg zur Welt, hat in Stettin (heute Szczecin) eine Familie gegründet und war während des 2. Weltkriegs eigentlich „UK“ geschrieben – er war unabkömmlich.

Schippers hatte im Hydrierwerk in Stettin eine leitende Position eingenommen. Als Stettin im Winter 1945 in Schutt und Asche gelegt wurde, wurde auch das Hydrierwerk zerstört. Und Fritz Schippers musste sofort zur Wehrmacht. Er wurde Soldat in Neustrelitz. Seine Einberufungsurkunde ist mit dem 1. März datiert. Lange Zeit bliebt ihm danach offenbar nicht mehr. Schippers letztes Lebenszeichen stammt vom 14. April. Es ist ein Brief an seine Frau.

Der Brief ist voller Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Krieg geben wird. „Meine Mutter hat meinen Vater auch noch in Neustrelitz besucht, sie hat ihm geraten zu desertieren“. Doch das hat der Vater abgelehnt. „Die SS ist überall“, argwöhnte der Soldat, weil er auch wusste, was Deserteuren drohte: die Exekution. Uwe Schippers erzählt diesen Satz immer wieder, als könnte er der Schlüssel zum unbekannten Schicksal des Vaters sein.

Nicht alle Auskunftsstellen sind vernetzt

Was aus dem Vater wurde, konnte der Sohn nicht in Erfahrung bringen. Hat der Soldat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt, ist er umgebracht worden, ist er in den Wirren der Nachkriegstage zu Tode gekommen? Irgendwo zwischen Neustrelitz und Nirgendwo„Wir hatten auch schon einen Hinweis, dass mein Großvater in russische Kriegsgefangenschaft geraten ist“. Dann wäre er aber in ein Auffanglager nach Stettin gekommen. Dort hätte ihn jemand gekannt. Es gibt aber keine Hinweise darauf, sagt Stefan Schippers. So grenzt sich die Suche wenigstens regional ein. Neustrelitz, Mecklenburg, die Oder, Brandenburg oder Berlin? Verwirrend ist für die Familie, dass keine Erkennungsmarke von Fritz Schippers bekannt ist. Seine Einheit hat offenbar offiziell nicht existiert, denn sie ist im Militärhistorischen Archiv nicht erfasst. Weder in der Wehrmachtauskunftsstelle noch beim Suchdienst des DRK konnte den Schippers bislang Auskunft gegeben werden. Auch nicht im Archiv der Stadt Neustrelitz, wo die beiden Männer aus Ravensburg in dieser Woche erneut vorsprachen.

Zudem machten die Beiden die Erfahrung, dass nicht alle Auskunftsstellen vernetzt sind. Das erschwert die Recherche. Immerhin, im Neustrelitzer Stadtarchiv erhielten Vater und Sohn ein Verzeichnis, das die Toten auflistet, die auf dem Heldenhain auf dem Hauptfriedhof begraben liegen. Doch auch das birgt Fragen. Unter den über 250 Bestatteten sind 75 Unbekannte. Ist Fritz Schippers unter ihnen? Ist möglicherweise das Grab Nummer 158 seine letzte Ruhestätte geworden? Dort findet sich ein Hinweis: „Unbekannter Mann aus Stettin“. Und es steht das Wort „erhängt“ dahinter. Wollte er womöglich doch desertieren und wurde erwischt? Niemand konnte das bislang aufklären.

Die Hoffnung bleibt

Uwe und Fritz Schippers haben sich nach ihrem Besuch in Neustrelitz noch auf den Weg nach Szczecin gemacht. Für Vater und Sohn ist die Spurensuche ein Lebensinhalt geblieben. „Ich habe irgendwann gespürt, dass in der Familie etwas nicht stimmt“, sagt Stefan Schippers. Der Großvater war nie da und als er nach ihm fragte, gab es eher eine zurechtgelegte Wahrheit als ein „Es war so“.

Seine Großmutter hat ihren Mann 1949 für tot erklären lassen. „Damit sie Witwenrente erhält“, sagt er und hofft erneut: Vielleicht erinnert sich in Neustrelitz noch jemand an diesen Soldaten Fritz Schippers, der in den Krieg ziehen musste, als Nazideutschland eigentlich schon untergegangen war.