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Pasewalker drehen die Uhr einfach um 150 Jahre zurück

VonAngela StegemannFür kurze Zeit sah es auf dem Pasewalker Bahnhof fast wie im Jahr 1863 aus. Als die Loks noch dampften und die Damen Hüte ...

Das sind Geschenke: Wer mit dem Zug pünktlich ist, der bekommt eine goldene Taschenuhr, so wie hier Lokführer Hartmut Wedler. Vereinschef Hans-Jörg Görl (rechts) überreichte das Stück zur Erinnerung.  FOTOs: A. Stegemann

VonAngela Stegemann

Für kurze Zeit sah es auf dem Pasewalker Bahnhof fast wie im Jahr 1863 aus. Als die Loks noch dampften und die Damen Hüte trugen.

Pasewalk.Es gibt noch Züge, die pünktlich sind! Und auf dem Bahnsteig drängen sich die Leute. So jedenfalls war es, als die Pasewalker die Einweihung der Bahnstrecke Stettin-Pasewalk feierten. Genauso, wie am Sonnabend aufwendig inszeniert, könnte es vor 150 Jahren gewesen sein. Punkt 10.45 Uhr fuhr auf Gleis eins aus Richtung Berlin kommend der Zug ein. Vor der Dampflok stand schon das Begrüßungskomitee in historischen Uniformen. Lokführer Hartmut Wedler bekam von Hans-Jörg Görl, dem Chef des Lokschuppen-Vereins, eine goldene Taschenuhr als Dankeschön dafür, dass er pünktlich war. Die Damen des Arbeitslosenverbandes hüllten sich in historische Trachten und flanierten auf dem Bahnsteig. Die Reisenden empfing Blasmusik der Kaiserlich-Königlichen Regimentskapelle. Die Kürassiere der Königin Luise ließen grüßen.
Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde die Uhr wieder ein wenig vorgedreht. Dort bekamen ehemalige DDR-Bürger einen Schreck. Genauso sah es bis zur Wende aus. Der alte Ikarus-Bus wartete an der Haltestelle. Vor den unsanierten Bahngebäuden stand ein DDR-Polizeiauto. Davor in Uniform Karl-Heinz Hermann und Bernd Golletz. Sie waren zu DDR-Zeiten Polizisten, heute arbeiten sie als Lackierer und in einer Solarfirma. Dann startete die „Dampf-und-Diesel-Rallye Pasewalk-Stettin“. Dabei Autos aus allen Epochen. Auch ein Traktor gehört unbedingt dazu, fand Hans Ewald aus Papendorf. Mit seinem McCormick, Baujahr 1957, fuhr er schon ein wenig früher los als die anderen.
Die Menschenmenge bewegte sich dann in Richtung Lokschuppen. Dort ging das Feiern weiter. Man konnte u.a. mit dem Nostalgiewagen fahren oder der Hebeldraisine. Auf dem Gelände gab es Oldtimer zu betrachten. Besonders gut kamen die Präsentationen von Schienenfahrzeugen auf der Drehscheibe an. Die ist seit 1962 in Betrieb und noch gut in Schuss. „Die Eisenbahn ist wie ein Virus. Wer davon angesteckt wird, der kann nicht mehr davon lassen“, meinte Dietrich Mevius und erklärte ein Fahrzeug nach dem anderen. Das trifft wohl auch für viele Eisenbahner zu, die bis zur Wende zu den 1500 Beschäftigten gehörten. Lange bevor die Dampflok einfuhr, stand auch Rosi Wenzel am Zaun. „Ich war 38 Jahre bei der Bahn“, erzählte sie. Zuerst arbeitete sie im Reichsbahnamt, ab 1990 im Stellwerk. 2005 war Schluss. „Ich war 26 Jahre dabei und Oberamtsmann“, verkündete auch Gerda Striecker stolz.
Eines trübte das Fest: Gestern sollte der Dampfzug nach Stettin fahren. Obwohl alles abgesprochen war, erteilte die polnische Seite keine Genehmigung. Warum ist unklar. So fuhr der Zug nur bis Löcknitz. Schon am 1. Juni lädt der Lokschuppen wieder ein. Dann heißt es „Treffpunkt Drehscheibe“.