Lokführerstreik:

Von Solidarität ist in Pasewalk nichts zu spüren

Gähnende Leere in Pasewalks Bahnhof. Bei den Fahrgästen, die trotzdem kommen, überwiegt die Wut auf die streikenden Lokführer. Doch diese stellen sich den Diskussionen – und bitten um Verständnis und um Solidarität. Die Emotionen kochen hoch.

Der Zug steht zwar da, fährt aber nicht.
Angela Stegemann Der Zug steht zwar da, fährt aber nicht.

Eine Strasburgerin ist mit dem Bus zum Bahnhof gekommen. Am Abend muss sie um 17 Uhr auf dem Flughafen in Berlin sein. Für den Urlaub in der Sonne hat sie lange gespart, erzählt die Frau. „Mit einem Taxi nach Berlin fahren, das kann ich mir nicht leisten. Ein Auto habe ich nicht. Also habe ich mir gedacht, dass bis Mittag schon irgendein Zug fahren wird“, sagt sie. Auf der Anzeigentafel steht aber nur „Zug fällt aus“. Also entschließt die Frau sich, einen Nachbarn in Strasburg anzurufen, ob der sie nach Berlin fahren würde. „Wie die wohl reagieren würden, wenn andere ihnen den Urlaub vermiesen?“, sagt sie mit Blick auf einen wartenden Zug. „Bitte nicht einsteigen“, steht dort. Eine Taube ist das einzige Lebewesen auf dem Bahnsteig.

Vor dem Bahnhofsgebäude wartet eine Gruppe von Lokführern. In Pasewalk gibt es eine eigene Ortsgruppe der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL). „Wir sind sowieso für alle die Bösewichte. Und für die Medien ohnehin“, meint einer von ihnen. Die ganze Situation derzeit werde ziemlich einseitig betrachtet, finden die Männer. Im Bahnhofsgebäude ist Uwe Joachim, seit 1987 Lokführer, bereit, mit dem Nordkurier zu reden. Mit dabei ist auch Manfred Fischer. Der Pasewalker steht zwar nicht mehr im Berufsleben, kam aber aus Solidarität mit seinen ehemaligen Kollegen. „Das ist menschlich natürlich zu verstehen“, sagt er – auf die Wut der Strasburgerin hin angesprochen. Aber hier gehe es um mehr. Man schließe sich der größeren Eisenbahner-Gewerkschaft nicht an, weil sie die Interessen der Lokführer nicht wirklich vertrete. Schließlich habe deren Vorgängerin einem Stundenlohn von 7,50 Euro zugestimmt. „Wer will schon dafür arbeiten? Und in den Berliner Hinterzimmern wird daran gearbeitet, das Streikrecht einzudämmen“, ärgert Uwe Joachim sich. „Es geht immer nur ums Sparen und noch längere Arbeitszeiten“, meint Manfred Fischer. Er deutet auf den kleinen Raum der Bahnhofsaufsicht. „Die wird aus Einsparungsgründen zum 31. Dezember dicht gemacht.“ Deshalb sei Solidarität wichtig.

Teure Taxifahrten kann sich ja kaum einer leisten

Aus dem gut beheizten Warteraum kommt eine junge Frau. Sie wollte an ihrem freien Tag für ein verlängertes Wochenende ihre Mutter in Stralsund besuchen. „Ich arbeite bei einem Pflegedienst und verdiene wenig. Aber so geht es doch den meisten Leuten hier, und die streiken nicht“, sagt sie. Auf einer Bank im Warteraum sitzt Alexander Steinert und hält ein kleines Nickerchen. Der junge Mann muss nach Bayern. „Ich bleibe jetzt solange hier, bis ein Zug fährt“, sagt er. Warm genug ist es ja. Im Bahnhofsshop gibt es genügend zu essen. Denn dort bleibt angesichts fehlender Fahrgäste der Umsatz aus. Wenigstens die Taxifahrer trinken einen Kaffee. „Ich bin seit 34 Jahren Taxifahrer. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Werner Voigt. Während in den großen Städten Taxibetriebe und Busunternehmen von dem Streik der Lokführer profitieren, bleibt in Pasewalk der Andrang aus. Da hier keine Fernbuslinien vorbeikommen, bleiben die Leute lieber gleich Zuhause. Teure Taxifahrten können sich die Wenigsten leisten. Am Donnerstag kam um 14.17 Uhr ein Zug an, da stiegen sechs Leute aus. Von denen wollte keiner Taxi fahren. Am Freitagmorgen fuhr noch eine Bahn um 7.43 Uhr. Bevor er sich noch weiter ärgert, fährt er lieber nach Hause, sagt Werner Voigt.

 

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