Überforderte Eltern:

Ämter bringen 40 000 Kinder in Sicherheit

Die Jugendämter müssen immer häufiger gefährdete Kinder in eine sichere Umgebung holen. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind dagegen Ausnahmen. Dort ist die Zahl der Fälle gesunken.

So mancher Jugendlicher bittet selbst darum, in Inobhutnahme genommen zu werden.
Silvia Marks So mancher Jugendlicher bittet selbst darum, in Inobhutnahme genommen zu werden.

Ein Säugling liegt zwischen Müll und Haustieren. Ein ausgebüxter Vierjähriger spielt am Bahngleis. Ein Grundschulkind kommt übersät mit blauen Flecken zum Unterricht. Es sind Fälle wie diese, in denen die Jugendämter einschreiten und gefährdete Minderjährige zu ihrem Schutz für kurze Zeit in Obhut nehmen. Etwa 40 200 gefährdete Kinder waren es 2012 – so viele wie nie zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch berichtete. „Die aktuelle Statistik spiegelt auf drastische Weise wider, dass sich viele familiäre Strukturen unter einer Dauerbelastung befinden“, sagt der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Wolfgang Stadler.

Trennung von Eltern und Kindern immer das letzte Mittel

Ähnliche Beobachtungen wie der AWO-Bundesvorsitzende hat auch Carsten Spies gemacht. „Wir stellen seit Jahren fest, dass es häufig junge Eltern sind, die mit der Erziehungsrolle überfordert sind“, so der Jugendhilfefachmann und Landesgeschäftsführer des deutschen Kinderschutzbundes in Mecklenburg-Vorpommern. Rund 980 Mädchen und Jungen haben die Jugendämter im Nordosten im vergangenen Jahr in eine sichere Umgebung geholt. In Brandenburg ist die Schutzmaßnahme für 1470 Kinder angeordnet worden. Das sind in beiden Bundesländern weniger Fälle im Vergleich zum Vorjahr (MV: 1062; Brandenburg: 1522). „Der Rückgang ist erst einmal erfreulich. Er deutet darauf hin, dass eher helfende Maßnahmen eingesetzt werden, bei denen das Kind in der Familie bleiben kann“, vermutet Spies. Eine Inobhutnahme sollte das letzte Mittel bleiben. „Niemand hat ein Interesse, Eltern und Kinder zu trennen, wenn es nicht sein muss,“ findet auch Harald Grebe vom Offenbacher Jugendamt.

Doch wenn Mädchen und Jungen aufgrund von Gewalt, Sucht, Verwahrlosung oder Unterernährung in Gefahr sind, müssen die Jugendämter einschreiten und die Kinder notfalls von ihren Eltern trennen. Dies kann auf eigenen Wunsch der Kinder und Jugendlichen geschehen oder aufgrund begründeter Hinweise von Polizei, Schule, Erziehern oder Nachbarn.

Gewalt und Verwahrlosung Hauptgründe

Gewalt ist nach Einschätzung von Harald Grebe der Hauptgrund für Inobhutnahmen, gefolgt von Verwahrlosung. So mancher Jugendlicher bitte selbst darum, weil ihn seine Eltern schwer misshandelten oder die Zustände zu Hause desolat seien. Alkohol, Drogen und psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen steckten oft hinter der Verwahrlosung, die soweit gehen kann, dass Kleinkinder vor dem Verdursten und Verhungern gerettet werden müssen. „Solche Eltern sind oft nicht in der Lage, einen geregelten Tagesablauf für sich selbst herzustellen.“

Unproblematisch sind die Inobhutnahmen für Experten nicht. „Sie sind zwar manchmal unvermeidbar, aber auch eine Notmaßnahme, die das Potenzial hat, die Kinder erheblich zu belasten und die Familienbeziehungen weiter zu zerrütten“, sagt Heinz Kindler vom deutschen Jugendinstitut. „Wir müssen in unserem Bemühen weiter kommen, den Familien möglichst frühzeitige Hilfen anzubieten und in Krisensituationen kurzfristige Hilfen verfügbar zu haben.“

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