Angst vor Terrorserie:

Attentate schocken Russen vor Olympia

Beim schwersten Anschlag in Russland außerhalb der konfliktreichen Kaukasus-Region seit fast drei Jahren sterben zahlreiche Menschen. Das Selbstmordattentat in Wolgograd wirft auch einen Schatten auf die Olympischen Spiele im Februar in Sotschi.

Russische Polizisten sichern den Bahnhof, noch sind nicht alle Opfer abtransportiert. Die Explosion war bereits der zweite Terroranschlag, der Wolgograd erschütterte.
Str Russische Polizisten sichern den Bahnhof, noch sind nicht alle Opfer abtransportiert. Die Explosion war bereits der zweite Terroranschlag, der Wolgograd erschütterte.

Erst eine Autobombe, dann ein Selbstmordattentat: Zwei Anschläge an einem Wochenende schüren bei vielen Russen die Angst vor einer Terrorserie – sechs Wochen vor Olympia in Sotschi. „In der Provinz können Extremisten leichter agieren als in Moskau, die Hauptstadt wird auch wegen der Winterspiele schärfer bewacht“, räumt Wladimir Markin von der Ermittlungsbehörde ein.

Radikale Islamisten aus dem russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus drohen seit Monaten, den Terror vor den Wettkämpfen ins Kernland zu tragen. Nun trifft es nach einem ersten Anschlag im Oktober erneut die Millionenstadt Wolgograd. Das frühere Stalingrad, Ort einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs, gilt als wichtiger Verkehrsknotenpunkt und ist rund 700 Kilometer von Sotschi entfernt.

Ohrenbetäubender Knall, splitterndes Glas, schreiende Menschen

Im Bahnhof von Wolgograd hätten die Menschen dicht gedrängt vor einer Sicherheitsschleuse gestanden, berichten Augenzeugen dem Fernsehsender Rossija-24. „Wegen der Neujahrsferien waren es viel mehr Reisende als sonst, und sie hatten auch mehr Gepäck dabei als üblich“, sagt Kioskbesitzerin Irina Kirillowa, die unverletzt blieb. Sie erzählt von einem ohrenbetäubenden Knall, von splitterndem Fensterglas und schreienden Menschen. Mit einer Bombe von rund zehn Kilogramm Sprengkraft habe eine Selbstmordattentäterin mindestens 16 Menschen mit in den Tod gerissen, sagt Behördensprecher Markin.

Zudem seien Dutzende Menschen schwer verletzt worden, weil der Sprengsatz auch Nägel enthalten habe. Erst Ende Oktober hatte in Wolgograd eine Selbstmordattentäterin in einem Linienbus sechs Passagiere getötet.

"Der Staat muss handeln"

Die Stadt sei „in Panik“, sagt Kasbek Farnijew, der Berater des Gebietsgouverneurs. „Zwei Anschläge in zwei Monaten – das ist zu viel für die einfache Bevölkerung. Der Staat muss handeln“, fordert er. Es gehe nicht nur um Sotschi: Wolgograd sei eine der Spielstätten der Fußball-Weltmeisterschaft 2018, die in Russland stattfindet.

Den Anschlag im Oktober verübte eine Islamistin aus der Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus. In der bergigen Vielvölkerregion kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen Kreml-Einheiten und Extremisten. Diesen „Krieg“ in zentrale Teile Russlands zu tragen, dies hat der tschetschenische Islamistenführer Doku Umarow immer wieder angedroht.

"Blutige Besatzungspolitik"

Der Terrorchef wirft Präsident Wladimir Putin eine „blutige Besatzungspolitik“ im Nordkaukasus vor. Umarows Ziel ist ein islamischer Gottesstaat, ein „Kaukasus-Emirat“. Der Kreml pumpt Milliarden in die verarmte Region, um der für radikale Ideen anfälligen Jugend mit Jobs eine Perspektive zu verschaffen. Am Freitagabend hatte bereits die Explosion einer mächtigen Autobombe in der Stadt Pjatigorsk im Nordkaukasus für Aufsehen gesorgt. Die Behörden vermuten auch hier einen terroristischen Hintergrund. Von Pjatigorsk nach Sotschi sind es rund 250 Kilometer.

Das Nationale Anti-Terror-Komitee in Moskau hat dem Internationalen Olympischen Komitee wiederholt versichert, Athleten und Gästen der Winterspiele drohe keine Gefahr. Russische Politiker lehnen in einer ersten Reaktion auf die Anschläge eine weitere Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen ab.