Jugendgerichtstag:

Ausgrenzung erhöht Gewaltbereitschaft

Anfangs sind es harmlose Rempeleien, am Ende kann ein Totschlagsversuch stehen – Jugendkriminalität macht Eltern oft ratlos.

Der Freiburger Neurobiologe Joachim Bauer sieht in Ausgrenzungs- und Demütigungserfahrungen junger Menschen eine der wichtigsten Ursachen für Jugendkriminalität. „Soziale Ausgrenzung wird wie ein Schmerz wahrgenommen. Und Schmerz erhöht die Gewaltbereitschaft“, erläuterte der Wissenschaftler zum Auftakt des 29. Deutschen Jugendgerichtstags am Samstag in Nürnberg. Der Neurobiologe, der zugleich Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist, forderte entsprechende Konsequenzen im Umgang mit straffälligen Jugendlichen. Ausgrenzung beginnt nach Bauers Erfahrung vielfach schon in der Familie – „vor allem wenn Familien als Ganzes ausgegrenzt werden“, sagte Bauer. Ein Problem sei auch, wenn Familien zerbrechen und die Jugendlichen ohne Bindung dastünden. „Ausgrenzung findet dann ihre Wiederholung in der Schule. Und wenn es dann noch zum Schulausschluss eines Jugendlichen kommt, sind oft schwerwiegende Straftaten die Folge“, gab Bauer zu bedenken. Statt für Jugendstrafe spricht sich der Hochschullehrer dafür aus, den Jugendlichen zu einem „Perspektivwechsel“ zu verhelfen: Jugendliche müssten lernen, die Perspektive ihres Opfers einzunehmen. Die Fähigkeit des Menschen, sich in die Situation eines Mitmenschen hineinzuversetzen, entwickelt sich nach Bauers Erkenntnissen zwischen dem 3. und 22. Lebensjahr. Jugendliche, bei denen sich die Fähigkeit erst spät entwickle, bräuchten daher Unterstützung.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wies auf dem Jugendgerichtstag Forderungen nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts zurück. „Die Statistik zeigt seit Jahren einen Rückgang bei den Straftaten von Jugendlichen“. Die bestehenden Maßnahmen für straffällige Jugendliche halte sie für ausreichend. Nachholbedarf sieht die Justizministerin dagegen bei der Qualifizierung von Jugendrichtern, -staatsanwälten und Polizisten. Sie müssten in ihrer Ausbildung stärker mit den Wirkungen von Sanktionsinstrumenten für junge Straftäter vertraut gemacht werden.

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