Nach Terrorserie in Paris:

Das Ende des Europa, wie wir es kennen

Die Terrorserie von Paris trifft Europa ins Mark. Viele vergleichen diesen Freitag den 13. mit dem 11. September 2001. Ein Moment, in dem man sich nach viel Streit wieder auf die Grundwerte besinnt. Der Kontinent wird sich ändern. Aber wie?

Blumen hängen in Einschusslöchern in der Rue Alibert in Paris.
Malte Christianse Blumen hängen in Einschusslöchern in der Rue Alibert in Paris.

Ein ungewöhnlich milder Freitagabend im November. Paris ist in Vorfreude auf das Wochenende und auch schon ein wenig auf die Fußball-EM im nächsten Jahr. Die Straßencafés sind noch gut besetzt. Das "Bataclan", eine große Konzerthalle am Boulevard Voltaire, ist ausverkauft. 1500 Leute bejubeln die Rockband "Eagles of Death Metal". Ein paar Kilometer weiter, im Nationalstadion, läuft vor 80 000 Zuschauern der Länderspiel-Klassiker Frankreich gegen Deutschland.

Und dann das: Fast zeitgleich, in der Stunde nach 21.00 Uhr, ziehen mehrere islamistische Kommandos durch Frankreichs Hauptstadt eine Schneise des Terrors. Schießen um sich, zünden Bomben, sprengen sich dann selbst in die Luft. Einigen der Attentäter gelingt wohl zunächst auch die Flucht. Vorläufige Bilanz am Wochenende: 129 Todesopfer, Hunderte Verletzte, viele noch in Lebensgefahr.

Die schlimmste Terrorserie seit 2004

Die neue Terrorserie in Paris hat Europa ins Mark getroffen. Man spürt es schon: Dieser 13. November 2015 ist ein Tag, der den Kontinent verändert. Die schlimmsten Terroranschläge auf europäischem Boden seit dem 11. März 2004, als durch Bomben auf mehrere Züge in Madrid 191 Menschen ihr Leben lassen mussten. Aber viele haben seit Freitagabend wieder ein anderes Datum im Kopf: den 11. September 2001 - der Tag, an dem vor anderthalb Jahrzehnten der islamistische Terror in die USA kam.

Dieser Freitag, der 13. in all seiner Brutalität bedeutet eine vergleichbare Zäsur. Es ist das Ende des Europa, wie wir es kennen. Nach dem ersten Entsetzen wird das auch vielen in der Politik schnell bewusst. In vielen EU-Staaten wenden sich die Staats- und Regierungschefs am Wochenende an ihre Nationen. Die Botschaft überall: trauern mit Frankreich, zusammenhalten, aber keinesfalls dem Terror weichen.

Anschläge seien "Akt des Krieges"

Frankreichs Präsident François Hollande nennt die Anschläge einen "Akt des Krieges". Er meint damit keinen Krieg wie früher, keinen Krieg zwischen Nationen. Sondern einen Krieg aus einer anderen Kultur, gegen unsere Art zu leben. EU-Kommissionspräsident Donald Tusk schreibt im Namen aller 28 Mitglieder: "Frankreich steht an der Frontlinie im Kampf gegen den Terror. Aber es ist nicht allein. Dieser Kampf ist der Kampf von allen Europäern und auch der Kampf aller anderen Völker der freien Welt."

In Deutschland, Frankreichs engstem Partnerland, klingt das genauso entschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel geht nach dieser Nacht des Schreckens als erste vor die Kameras, gleich am Samstagmorgen: "Dieser Angriff gilt nicht nur Paris. Er meint uns alle und er trifft uns alle. Deswegen werden wir auch alle gemeinsam die Antwort geben." Und fügt fast trotzig hinzu: "Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror."

Europa ein "Bollwerk der Demokratie und der Menschenrechte"

Bundespräsident Joachim Gauck nennt Europa wenig später in einer Ansprache aus dem Schloss Bellevue ein "Bollwerk der Demokratie und der Menschenrechte". "Auch die brutalen Angriffe islamistischer Terroristen vermögen dies nicht zu ändern." Gauck beendet seine Botschaft mit drei französischen Wörtern, den mehr als 200 Jahre alten Idealen der französischen Revolution: "Liberté, Egalité, Fraternité" ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit").

Tatsächlich, bei aller Trauer und Wut: Es ist dies jetzt auch ein Moment, in dem sich Europa auf seine Grundwerte besinnt. Angesichts des Terrors haben all die Krisen, über die nun schon so lange geredet wird, plötzlich weniger Gewicht. Das griechische Euro-Drama, die Debatte über einen Abschied Großbritanniens aus der EU, sogar die Flüchtlingskrise - eine kleine Weile ist das alles von viel geringerer Bedeutung.

Große Sorge um Deutschland

Jetzt geht es für die Europäer ums Fundament. Wie kann man sich als liberale Demokratie und offene Gesellschaft wehren gegen die Vorstellungen des Islamischen Staats (IS), von denen die allermeisten so unerträglich sind? Wie kann man den eigenen Bürgern Wohlstand garantieren, ein freies Leben und Sicherheit dazu? Bislang war es in Europa nach Anschlägen immer so, dass die Menschen nach einer gewissen Zeit zum normalen Leben zurückfanden. Und nun?

In Deutschland stellen sich viele besorgt die Frage, wann es hier zu einem Anschlag kommen wird - gerade jetzt, da wieder die Zeit der Weihnachtsmärkte beginnt. Viele Eltern verbrachten das Wochenende damit, ihren Kindern zu erklären, was in Paris geschehen ist. Es ist ein Thema, das Grundängste berührt.

Terror-Experten sehen hohe Gefahr in Deutschland

Die Terror-Experten reden -  wie immer in solchen Momenten - für die Bundesrepublik von einer "abstrakten hohen Gefahr", ohne dass es konkrete Hinweise auf Attentate gibt. Innenminister Thomas de Maizière sagt, was jeder Vernünftige weiß: "Eine Garantie, dass so etwas in Deutschland nicht geschieht, kann ich nicht geben."

Manches wird sich auf jeden Fall verändern. Die Sicherheitsapparate werden in vielen Ländern neu ausgestattet werden, um Anschläge schon in der Entstehung zu verhindern. Für Europas Geheimdienste bedeutet dies mehr Leute und vermutlich auch mehr Geld. Aber bis das umgesetzt ist, wird es einige Zeit dauern. Was sich vielerorts in Europa heute schon feststellen lässt: Polizei und Zoll kontrollieren wieder mehr.

Weltklima-Konferenz könnte zu einer Hochsicherheits-Veranstaltung werden

Die Weltklima-Konferenz, die Ende des Monats in Paris beginnt, dürfte zu einer Hochsicherheits-Veranstaltung werden. Ähnliches lässt sich auch für die Fußball-EM sagen, die nächstes Jahr - so groß wie nie - mit 24 Teilnehmern in neun französischen Städten stattfinden soll. Eröffnungsspiel und Finale sind im Stade de France, dem Ort des Länderspiels vom Freitagabend.

Dazu gibt es eine neue Debatte, ob der militärische Kampf gegen den IS verstärkt werden muss, vor allem in Syrien und im Irak - verbunden mit der Frage, ob Deutschland nicht doch auch die Bundeswehr in den Einsatz schicken muss. Parallel dazu wird bei den Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Syrien-Konflikts nun entschieden aufs Tempo gedrückt.

Auf einer Konferenz in Wien einigten sich 17 Staaten am Wochenende schon darauf, dass innerhalb des nächsten halben Jahres in Damaskus eine Übergangsregierung stehen soll. Die Bereitschaft, Machthaber Baschar al-Assad länger auszuhalten, dürfte bei einigen gewachsen sein. So zynisch das klingt: Im Vergleich zum IS erscheint er manchen doch als das kleinere Übel.

Angst und Panikmacherei rund um die Flüchtlinge

Mit Sicherheit wird auch die Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen an Schärfe zunehmen. In den sozialen Netzwerken war am Wochenende oft die Warnung zu lesen, dass durch die Einwanderung aus islamischen Ländern die Gefahr von Anschlägen steige. Auch Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) twitterte: "#ParisAttacks ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen."  Andere halten entgegen, dass viele Menschen, die jetzt nach Deutschland kommen, gerade vor dem IS auf der Flucht sind.

Zeit also, über einige Fragen der grundsätzlicheren Art nachzudenken: Welche Werte Europa hat, was Europa ausmacht; was Europa jetzt tun muss. Es wird eine ganze Weile dauern, bis es darauf die Antworten gibt. Übrigens: Der erste, der noch am Freitag die französischen Wörter "Liberté, Egalité, Fraternité" in den Mund nahm, war kein Europäer, sondern ein Amerikaner: US-Präsident Barack Obama.

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