Kommentar:

Der Hass auf die Flüchtlinge ist eine Schande für unser Land

Die Krawalle vor einer Flüchtlingsnotunterkunft in der sächsischen Kleinstadt Heidenau schockieren Nachrichtenchef Marcel Auermann. Dabei können Migranten eine große Chance für das Gastland sein. 

Schreckliche Szenen: Die Polizei sichert den ehemaligen Praktiker Baumarkt in Heidenau (Sachsen) vor Übergriffen von Gegnern der Asylunterkunft.
Arno Burgi Schreckliche Szenen: Die Polizei sichert den ehemaligen Praktiker Baumarkt in Heidenau (Sachsen) vor Übergriffen von Gegnern der Asylunterkunft.

In diesem Land stimmt etwas nicht. Ja, ich habe es erlebt. Die Menschen in der direkten Nachbarschaft schotten sich ab. Sie schließen die Haustüre ab, obwohl sie es sonst nie getan haben. Am besten wollen sie den Schlüssel zweifach herumdrehen. Alles dicht machen. Wenn es ginge, alles in ein Vakuum verpacken oder die Wohnung in die menschenleere Wüste beamen. Warum? Nur weil wenige Straßen weiter die ersten Flüchtlinge angekommen sind. Geht’s noch?

Hauptsache, die Flüchtlinge aussperren als wären sie Gift, wären sie schlecht, würden sie wie vor Jahrhunderten Krankheiten einschleppen. Dabei gehört das Verrammeln der Wohnungen und Häuser noch zu den harmlosesten Handlungen dieser Tage.

Heidenau, Weissach im Tal, Marzahn-Hellersdorf, Freital, Meißen, Dresden, Tröglitz – hier tobt der braune Mob, die mörderische Jagd und Hetze auf Flüchtlinge. Idioten gehen auf die Straße und machen Menschen auf die schändlichste und niederträchtigste Art fertig.

Schalten diese Gewalttäter eigentlich auch mal ihr Hirn ein, bevor sie handeln oder den Mund aufmachen? Wird nur eine einzige Sekunde nachgedacht? Darüber, dass manche Flüchtlingsgeschichte der Menschen im Osten Deutschlands oder ihre eigene nicht einmal drei Jahrzehnte zurückliegt. Dass Zuwanderer in einer überalterten Gesellschaft wie hierzulande eine immense Chance sein können, wenn alles mit einer guten Asyl-, Flüchtlings- und Einwanderungspolitik einhergeht.

Wer die Kulturen, die Sprachen, die Traditionen, die Eigenarten jedes Landes zu schätzen weiß, ja sogar als Bereicherung des eigenen Lebens ansieht, wird ungemein durch die neuen Menschen in unserer Umgebung gewinnen. Eine hohe Zuwanderung bringt wirtschaftlich deutliche Vorteile für die Einwanderungsländer. Zu diesem Urteil kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie. Demnach erhöht Zuwanderung tendenziell den Wohlstand des aufnehmenden Landes, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Flexibilität des Arbeitsmarkts, da Ausländer bei der Stellensuche weniger festgelegt sind. Noch ein Vorurteil räumt die Untersuchung aus: Ein genereller Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Arbeitslosigkeit lässt sich international nicht beobachten. So konnten beispielsweise Immigranten in den USA stets relativ problemlos integriert werden. Überdies sind unter den Flüchtlingen auch Hochqualifizierte wie Ärzte, Wissenschaftler und Ingenieure, die wir in Deutschland dringend benötigen.

Nur wer Migranten von vornherein missachtet, diskreditiert, diskriminiert, nicht fördert und ausgrenzt, macht sie zur Belastung und gibt ihnen, aber auch unserer Gesellschaft keine Chance.

Zuwendung statt Abwendung. Nur wer die Migranten fordert und fördert und unterstützt bringt sie auf Flughöhe, um mit der hiesigen Gesellschaft mithalten zu können, sich zu integrieren, ein Teil von uns zu werden. Migration lohnt sich. Deshalb: Öffnet Türen und Herzen!