Illegal auf Westurlaub:

Der unglaubliche Pass-Tausch

Sie führten die Grenzer an der Nase herum. Für eine verbotene Reise nutzte eine Schweriner Familie die Ausweispapiere von Verwandten.

Elfriede Gereke und Gerlinde Haker im Sommer 2014 an den erhaltenen Grenzanlagen in Schlagsdorf             
privat Elfriede Gereke und Gerlinde Haker im Sommer 2014 an den erhaltenen Grenzanlagen in Schlagsdorf  

Es war im Sommer 1967. Wie andere Ehepaare auch planten Gerlinde und Horst Haker aus Schwerin ihren Urlaub. Doch nicht Ungarn oder Ostsee standen auf dem Reiseplan, sondern zehn Tage Westdeutschland – trotz Mauer und Kommunisten. Die verrückte Lösung für die Ferien im Kapitalismus: Ein Pass-Tausch mit der Westverwandtschaft.

Der Bruder von Horst Haker, Dieter Gereke, und dessen Frau Elfriede stellten sich und ihre Papiere zur Verfügung, um ihrerseits den Osten zu erkunden. Das reiselustige Quartett traf sich im Sommer 1967 in Prag. Elfriede und Dieter stiegen in den Wartburg der Schweriner, während Gerlinde und Horst den schwarzen VW-Käfer übernahmen und sich mit einer Handvoll geschenkter D-Mark auf den Weg gen Westen machten. Sie freute sich, im bayerischen Hammelburg ohne Voranmeldung ein Hotelzimmer zu bekommen, erinnert sich Gerlinde Haker. In Hamburg überraschten sie Verwandte von Horst. Die staunten – und hielten dicht. „Aber wir waren uns sicher: Das geht gut. Unser Vorhaben war so ungewöhnlich, dass darauf keiner kommt“, sagt sie. Über Bremen, der Heimatstadt von Gerlindes Eltern, ging es weiter den Rhein entlang, dann nach Frankfurt, München und Salzburg. Danach kehrten sie unbehelligt in die DDR zurück.

"Es hat mich genervt, dass ich nicht den Westen sehen konnte"

Während des West-Ausflugs der beiden Schweriner wanderten Elfriede und Dieter die Moldau entlang bis zum Lipno-Stausee im Südwesten der Tschechoslowakei. Sie erinnert noch einen Grenzwächter, der auf einem Waldweg ihre Ost-Pässe kontrollierte und ihnen riet, sich weiter nach „Osten“ zu wenden. So nah an der Grenze zu Österreich würden sie sich sonst verdächtig machen, eine „Republikflucht“ zu planen. „Als brenzlig habe ich die Begegnung nicht empfunden“, sagt Elfriede Gereke.

Die Idee zum Pass-Tausch kam den Hakers nicht aus heiterem Himmel. Dieter war 1953 in den Westen geflohen. Horst blieb in der DDR und wollte trotzdem die Welt sehen. Also traf er sich mehrmals mit seinem Bruder in West-Berlin, lieh sich dessen Personalausweis, mit dem er in die Bundesrepublik gelangte und sich einen Reisepass besorgen konnte. Bis 1961 kam Horst auf diese Weise bis nach Indien und Afghanistan. Auch Gerlinde war während ihrer Jugendzeit in Dresden viel unterwegs. „Mit siebzehn bin ich durch Ost-Europa getrampt. Es hat mich genervt, dass ich nicht den Westen sehen konnte.“

"Dass die Frau dazu die falsche war, konnte er nicht ahnen"

Gleichwohl war beim Pass-Tausch im Sommer 1967 das Risiko für Gerlinde offensichtlich höher als für ihren Mann Horst. Dieter und Horst waren sich so ähnlich, wie zwei Brüder nun einmal sind. Gerlinde und Elfriede hingegen sind zwar gleich groß und gleich alt, aber sonst kaum zu verwechseln. Dennoch durften die Hakers ungehindert ausreisen. „Vielleicht hat der Grenzposten damals seinen Augen nicht getraut“, sagt Gerlinde Haker. „Er wollte wohl den Unterschied zwischen Elfriedes schwarz-weißem Passfoto und der echten Gerlinde nicht wahr haben. Zweifelsfrei hielt er einen echten bundesdeutschen Pass in der Hand. Dass die Frau dazu die falsche war, konnte er nicht ahnen.“

Erst nach dem Mauerfall konnte Gerlinde Haker ihren Freunden erzählen, wo sie und ihr Mann Horst wirklich im Sommer 1967 im Urlaub waren. „So war das halt.“ Nüchtern kommentiert Gerlinde Haker heute die schier unglaublich erscheinende Geschichte. Die frühere Mitarbeiterin der evangelischen Domgemeinde fügt hinzu, sie habe den Kommunisten ein Schnippchen geschlagen, weil sie nicht bis zur Rente auf eine West-Reise warten wollte. Sie wollte keine Heldin sein, niemandem Vorbild, niemanden vorführen. Das zu betonen ist ihr wichtig. „Ich habe es nur für mich getan.“ Im Westen bleiben wollte Gerlinde nicht. Dabei hatten die Hakers mit dem SED-Staat wahrlich nichts am Hut: „Aber warum sollten WIR gehen? ,Sollen doch die Kommunisten gehen‘, war unser Motto.“

Auch nach dem Mauerfall blieb die Extratour ihre „stille Freude“, da der 68-Jährigen der Hang zum Prahlen oder Triumphieren fehlt. Als Mitarbeiterin der Kirche stand Gerlinde Haker allerdings lange im Visier der Stasi. Als sie die 700 Seiten ihrer Stasi-Akten nach der Wende durchsah, stellte sie jedoch fest: „Über unsere West-Reisen haben die offenbar nichts gewusst.“

Am Sonntag, dem 9. November, erscheint unsere Sonderausgabe zum Mauerfall. Die Sonntagszeitung ist für Abonnenten kostenlos. Hier lesen Sie bereits einige Geschichten aus der Sonderausgabe.

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