Die Lebensmittel-Lügen:

Was draufsteht, ist nicht immer drin

Skandale wie Pferdefleisch in Lasagne oder Dioxin in Eiern sind das eine, Schwindeleien das andere. Selbst wenn alles legal läuft, sind Verbraucherschützer unzufrieden.

Nicht von appetitlichen Bildern täuschen lassen, raten der Verbraucherzentralen.
Oliver Berg Nicht von appetitlichen Bildern täuschen lassen, raten der Verbraucherzentralen.

Frankfurt/Main. Auch im Supermarkt steht Wichtiges oft im Kleingedruckten. Zum Beispiel, dass ein Shrimps-Salat Alkohol enthält. Der Hersteller druckt es klitzeklein hinten auf die Verpackung – alles nach Recht und Gesetz. Aber welcher Kunde läuft schon mit der Lupe durch den Supermarkt?

Zwar seien sogar inzwischen einige Einkaufswagen schon mit Vergrößerungsgläsern ausgestattet. Aber genutzt würden sie nicht, sagte Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentralen Bundesverbands. Lediglich 1,4 Sekunden bleibe der Verbraucherblick auf einem Produkt im Regal hängen. Nicht viel Zeit, um eine Kaufentscheidung zu treffen und viel zu kurz, um die Zutatenliste zu studieren. Darauf setze die Industrie. Die sieht wiederum in den Vorwürfen die Vertiefung alter Gräben.

"In deutschen Supermärkten lauern überall Kennzeichnungsfallen"

Vorsicht und gesundes Misstrauen sei dringend angeraten, meinen die Verbraucherschützer, die mit ihrem Ratgeber „Lebensmittel-Lügen – wie die Food-Branche trickst und tarnt“ auf 223 Seiten über Fallstricke beim Einkauf aufklären will. In deutschen Supermärkten lauerten überall Kennzeichnungsfallen. Erdbeer-Drink ohne Erdbeeren, Gänseleberpaté mit nicht mehr als zwei Prozent Gänseleber, mehr Schwein als Lamm in der Lammsalami, Alpenmilch aus Schleswig-Holstein, Orangensaft aus dem Norden – nach Angaben der Verbraucherschützer typische Beispiele.

Fast drei Viertel der Verbraucher seien sich längst bewusst, dass gemogelt werde, ergab eine Untersuchung der Verbraucherzentralen. „Unser Ratgeber bestätigt das Bauchgrummeln“, sagte Jutta Gelbrich von der Verbraucherzentrale Hessen.

Industrie beteuert, sie wolle den Dialog

Klarheit und Wahrheit wollten die Verbraucher, deshalb müsse auf gesetzlicher Ebene etwas geschehen, meint Billen. Auf Missstände hinzuweisen wie im Portal lebensmittelklarheit.de, wo sich Verbraucher beschweren können, sei nicht genug. Die Missstände müssten auch abgestellt werden.

Nötig sei eine klare, gut lesbare Kennzeichnung, die auch unzweifelhaft über Herkunft der Produkte informieren müsse. „Es ist eben nicht egal, ob Erdbeermark aus China oder anderswo herkommt“, sagte Billen. Im vergangene Jahr waren in chinesischen Erdbeeren Hepatitis-Viren entdeckt worden. Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch mahnt Konsequenzen an: „Legale Täuschung wird erst aufhören, wenn die Bundesregierung nicht länger vor der Wirtschaft kuscht, sondern die Lebensmittelindustrie endlich gesetzlich verpflichtet, Lebensmittel besser und verständlicher zu kennzeichnen“, sagt Foodwatch-Expertin Anne Markwardt.

Die Industrie beteuert, sie wolle den Dialog für eine klare Kennzeichnung. Die Branche sei offen für Verbraucherkritik und Verbesserungsvorschläge, so Stephan Becker-Sonnenschein,Geschäftsführer der Dachorganisation „Die Lebensmittelwirtschaft“: „Die Beispiel­-sammlung ,Lebensmittellügen‘ ist auf diesem Weg ein Rückschritt in alte Zeiten von Diffamierung und Polemik.“

Gerade erst hatte die Organisation eine Studie von TNS Infratest mit guten Noten für die in Deutschland angebotenen Waren präsentiert. Drei Viertel der Kunden haben demnach eine gute bis ausgezeichnete Meinung von Lebensmitteln, fast 80 Prozent beurteilen die Qualität positiv. Das werde auch gar nicht angezweifelt, sagte Verbraucherschützer Gerd Billen: „Die Qualität ist gut – trotz gefühlter und erlebter Enttäuschung.“

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung