Kommentar:

Die Zeit der Volksparteien mit satten Wahlergebnissen gehört der Vergangenheit an

Berlin bekommt eine neue Landesregierung. Die SPD ist ernüchtert, doch weiter vorn. Jetzt könnte Rot-Grün-Rot folgen. Ein Experiment, das sich die Bundesparteien genau anschauen sollten, wie Nachrichtenchef Marcel Auermann meint.

Michael Müller erlebt am Wahlabend Sieg und Niederlage zugleich.
Rainer Jensen Michael Müller erlebt am Wahlabend Sieg und Niederlage zugleich.

Wer allen gefallen möchte, imponiert am Ende gar niemandem mehr. So zerlegen sich die einstigen großen Parteien selbst, weil sie an Profillosigkeit leiden. Sie wollen alles sein und sind einfach nur noch nichts, gar nichts. Sie biedern sich an und gewinnen weder im rechten noch linken Spektrum, weil der Wähler ihnen ihre Stanzen nicht mehr abnimmt.

Von Wahl zu Wahl kristallisiert sich deutlicher heraus, dass das Wort Volkspartei in Deutschland aus dem Wortschatz gestrichen werden kann. Mehrheiten repräsentiert keiner mehr. Deshalb nähern sich die Parteien – wohlgemerkt nur prozentual – an. Die einen von oben nach unten, was vor allem der CDU mit dem schlechtesten Ergebnis der Berliner Nachkriegsgeschichte verdammt weh tun muss. Und noch nie durfte sich eine Partei mit gut 20 Prozent in Siegerpose schmeißen.

Dann sind da noch die anderen, die aus dem Keller kommen. Der FDP genügte ein Ein-Thema-Wahlkampf (Flughafen Tegel soll offen bleiben), um wieder ins Abgeordnetenhaus zu kommen. Die AfD scheint sich, wenn auch mit deutlich niedrigeren Werten als vor zwei Wochen in Mecklenburg-Vorpommern, als neue Partei zu etablieren. Die Linken sind plötzlich wieder wer in Deutschlands einzig wahrer Metropole. Deutschlands erste rot-grün-rote Koalition unter Führung der SPD scheint zum Greifen nah.

Es entsteht also ein bunter Parteien-Regenbogen, der für viele in Deutschland ungewöhnlich sein mag. Schlecht muss er damit noch lange nicht sein. Vielmehr bietet er Chancen für etwas Neues, für den Aufbruch alter Verkrustungen. Nie war neues, frisches, anderes Regieren so einfach. In Berlin wie kommendes Jahr im Bund. Daran müssen sich die einstigen Volksparteien gewöhnen – nein: sie müssen es akzeptieren, ob sie wollen oder nicht. Denn es ist der Auftrag der Wähler an sie! Die hohe Wahlbeteiligung kann und darf nicht umsonst gewesen sein.

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung