Wirtschaftsflüchtlinge:

Europas arme Jugend jobbt in Australien

Wenn das nicht verlockend klingt: Mit einem Ferien-Arbeits-Visum (Working-Holiday-Visum) umwirbt das Land junge Ausländer als Arbeitskräfte. Doch es kommen nicht nur die Reiselustigen, sondern inzwischen auch viele Wirtschaftsflüchtlinge.

In Sydney‘s „Lowenbräu Bier Cafe“ arbeiten hauptsächlich deutsche und österreichische Rucksackreisende. Es ist längst nicht mehr nur die Reiselust, die Leute aus Krisenländern nach Australien zieht.
Sid Astbury/dpa In Sydney‘s „Lowenbräu Bier Cafe“ arbeiten hauptsächlich deutsche und österreichische Rucksackreisende. Es ist längst nicht mehr nur die Reiselust, die Leute aus Krisenländern nach Australien zieht.

Sie war Kellnerin in einem Melbourner Kasino, hat als Verkäuferin in Sydney sowie als Köchin in einer westaustralischen Eisenerzmine gearbeitet. Dafür, dass Lola Blanquer gerade mal 23 Jahre alt ist, hat sie schon jede Menge gesehen – von Australien und vom australischen Arbeitsmarkt.

Blanquer kommt eigentlich aus dem französischen Clermont-Ferrand und ist vor anderthalb Jahren als Rucksackreisende nach „Down Under“ gekommen. „Überall, wo ich hinkam, hat es nur ein paar Tage gedauert, um einen Job zu finden“, berichtet die junge Frau. Tatsächlich hat der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren viele Arbeitslose nach Australien gelockt, wo die Wirtschaft seit vielen Jahren stetig wächst. Fast eine Viertelmillion junger Menschen aus 19 ausgewählten Ländern sind im zurückliegenden Geschäftsjahr mit einem „Working-Holiday-Visum“ eingereist.

Das entspricht einem Zuwachs von 34 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum. Ganz oben auf der Liste der Herkunftsländer stehen: Großbritannien, Südkorea, Irland, Frankreich und Deutschland.

Rucksack-Touristen sehr willkommen

Der Bienenzüchter Rod Yates aus Sydney ist begeistert von dem Programm für Menschen zwischen 18 und 30 Jahren: „Bei mir haben in den vergangenen sechs Jahren etwa 40 Leute gearbeitet. Einige werden richtige Freunde, mit denen ich noch immer Kontakt habe.“ Und ganz nebenbei, so berichtet Yates, helfen ihm die Kontakte seiner europäischen Hilfskräfte auch noch beim Export seines Honigs.

Auch andernorts weiß man die Rucksackreisenden zu schätzen, wenn auch aus anderen Gründen als Bienenzüchter Yates. Growcom, eine Interessenvertretung für Obst- und Gemüseerzeuger im Ostküstenstaat Queensland, berichtet allerdings auch, dass die Bauern mittlerweile abhängig von den arbeitswilligen Rucksackreisenden seien, weil Einheimische die Jobs nicht mehr übernehmen wollten.

Zwar seien Löhne und Arbeitsbedingungen für alle gleich, sagt Donna Mogg von Growcom, aber die Rucksackreisenden passten meist besser auf die zu besetzenden Stellen. Die Fremden wollten etwas vom Land sehen, dächten nicht in erster Linie an Karriere.

Erbitterter Kampf mit den Einheimischen

Mittlerweile ist die Vermittlung und Betreuung der 250 000 ausländischen Gastarbeiter auf Zeit zu einem eigenen Geschäftsfeld geworden. So werden Übersetzer und Sprachlehrer von den Firmen eingestellt, um beispielsweise die 30 000 Koreaner und Taiwaner auf ihre Jobs vorzubereiten.

Besonders engagiert seien junge Menschen aus Staaten, die besonders unter der Wirtschaftskrise litten, betont Kate Parnell. Sie arbeitet für Harvest Hotline, ein Unternehmen, das gezielt Arbeitskräfte für den Erntebereich anheuert. Zwar bekomme sie hier und da auch noch Einheimische, doch zumeist seien es Rucksackreisende, die sie einstelle, sagt Parnell. „Außerdem hat sich die Situation im Vergleich zu früher verändert. Vor ein paar Jahren wollten sie nur für ein paar Wochen bleiben, jetzt möchten sie drei Monate arbeiten.“

Bob Birrell von der Monash Universität fürchtet gar, dass eine neue Welle von Wirtschaftsflüchtlingen aus Irland, Italien und anderen Ländern, in denen die Arbeit knapp ist, den Einheimischen derselben Generation die Jobs wegnehmen.

„Etwas von der Welt zu sehen, war vielleicht mal die Motivation, ist aber mittlerweile überholt von dem Drang, auf den relativ gesunden australischen Arbeitsmarkt zu gelangen“, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Birrell.

Befürworter des Visa-Programms hingegen sind überzeugt, ohne die Rucksackreisenden würden zahlreiche Früchte an Bäumen verrotten und Gemüse ungeerntet bleiben. Doch Birrell zufolge arbeitet die Mehrheit nicht auf dem Land, sondern in den Städten. „Und sie liefern sich einen erbitterten Kampf mit den Einheimischen um den Einstieg auf dem Arbeitsmarkt.“

Tatsächlich wollen viele der Rucksackreisenden bleiben und die australische Staatsbürgerschaft erwerben. Das „Working-Holiday-Visum“ ist ein erster Schritt in diese Richtung.

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