Die schleichende Enteignung:

Inflation frisst Erspartes auf

Schlechte Zeiten für Sparer: Weil die EZB die Zinsen im Euroraum im Dauertief hält, werfen Sparbuch, Tagesgeld & Co. derzeit kaum etwas ab.

Die höheren Lebensmittelpreise treiben die Inflation in die Höhe, die nur noch knapp unter der kritischen Zwei-Prozent-Marke liegt.
Hartmut Schwarzbach / argus Die höheren Lebensmittelpreise treiben die Inflation in die Höhe, die nur noch knapp unter der kritischen Zwei-Prozent-Marke liegt.

Experten schlagen Alarm: Die extrem niedrigen Zinsen in Europa vernichten das Vermögen der Deutschen und belasten die private Altersvorsorge. Das Problem: Derzeit sind die Zinsen für Anlagen in sichere, festverzinsliche Produkte wie Termingelder, Spareinlagen oder auch Bundesanleihen deutlich niedriger als die Inflationsrate. Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater warnt: „Damit ist die reale Verzinsung, das heißt Zinsen minus Inflation, negativ. Der Sparer tappt in die ,Realzinsfalle‘.“

Nach Berechnungen der Postbank kosten die extrem niedrigen Zinsen in Europa Sparer hierzulande Milliarden. Demnach verlieren die Sparvermögen bei Banken in Deutschland allein in diesem Jahr real rund 14 Milliarden Euro an Wert. Sollte die Inflationsrate im kommenden Jahr auf 2,0 Prozent ansteigen, würde sich die reale Entwertung auf 21 Milliarden Euro erhöhen.

Inflation derzeit im gewünschten Rahmen

An sich ist die Inflation in Deutschland derzeit im gewünschten Rahmen. Im Juli kletterte sie auf 1,9 Prozent und damit auf den höchsten Wert des Jahres. Sie liegt aber weiter unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank, die eine Jahresteuerung knapp unter zwei Prozent anstrebt. Da die Notenbank im Kampf gegen die Krise im Euroraum jedoch den Leitzins auf das Rekordtief von 0,5 Prozent gedrückt hat, werfen Sparbücher weniger ab, als die Inflation real nimmt. „Der natürliche Feind des Sparers ist die Inflation“, betont Postbank-Chefinvestmentstratege Marco Bargel.

EZB-Präsident Mario Draghi hat angekündigt, dass die Notenbank die Zinsen „für längere Zeit auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau“ halten wird. Doch nicht nur die Bundesbank sieht negative Folgen bei anhaltend billigem Geld: „Mit dauerhaft niedrigen Zinsen geht die Gefahr einher, dass nach einer gewissen Zeit die Preise steigen.“ Deshalb fordert Bundesbankpräsident Jens Weidmann: „Die Leitzinsen sollten rechtzeitig wieder angehoben werden, wenn sich in der Zukunft zunehmender Preisdruck abzeichnet.“

Private Altersvorsorge in Deutschland gefährdet

Andernfalls bekämen insbesondere fleißige Sparer die Folgen von dauerhaft niedrigen Zinsen zu spüren, erklärt die Bundesbank: „Liegen die Zinssätze für Sparanlagen unterhalb der Inflationsrate, dann wird die Geldanlage zum Verlustgeschäft. Der reale Wert des Sparvermögens sinkt. Vorsorgen und Sparen wird so immer unattraktiver.“

Ökonom Ulrich Kater spricht bereits von finanzieller Repression: Die hoch verschuldeten Euro-Staaten bauen ihre Schulden auf Kosten der Sparer ab. Auch von schleichender Enteignung ist dabei die Rede. Dabei ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, wie Kater betont: „Die Wirkung der niedrigen Zinsen auf das bestehende Geldvermögen wird sich jedes Jahr etwas erhöhen, weil höhere Zinsbindungen auslaufen und durch niedriger verzinste Anlagen ersetzt werden.“ Das angelegte Geld verliere also stetig an Kaufkraft.

Sparquote auf dem niedrigsten Stand

Der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken betont, dass Sparzinsen unterhalb der Inflationsrate auch die private Altersvorsorge in Deutschland gefährden. Eigentlich müsse die private Vorsorge erhöht werden, um die Kürzungen der Leistungsansprüche aus dem staatlichen Sozialversicherungssystem zu kompensieren, sagt BVR-Vorstandsmitglied Andreas Martin. Doch das Gegenteil sei der Fall, die Sparquote sei angesichts niedriger Zinsen auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2003 gesunken.

Gemeinsam mit dem Sparkassenverband (DSGV) und dem Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) wetterte der BVR schon vor Monaten gegen die lockere Zinspolitik auf Kosten der Sparer: „Sinkende Zinsen bedeuten einen sinkenden Anreiz für das Sparen und Vorsorgen. Dabei müssen die Menschen heute mehr als bisher vorsorgen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern.“ GDV-Präsident Alexander Erdland malt ein düsteres Bild: „Wenn die Zinsen nicht bald wieder auf ein marktgerechtes Niveau steigen, entsteht ein riesiges Folgeproblem: Große Lücken in der privaten Altersversorgung der künftigen Rentner.“

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