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Medizinische Verbrechen im Stall

Orte wie Alt Tellin oder Klein Daberkow stehen längst für die industrielle Fleischproduktion im Nordosten. Während kontrovers darüber gestritten wird, stellen die Verbraucher die Weichen.

Ohne den Rückgang des Verbrauchs, werde es laut Experten auch keine Abkehr von der Massentierhaltung geben.
Ingo Wagner Ohne den Rückgang des Verbrauchs, werde es laut Experten auch keine Abkehr von der Massentierhaltung geben.

Feinschmecker aufgepasst, jetzt wird’s happig: Etwa 8,8 Millionen Tonnen Fleisch wurden in Deutschland im vergangenen Jahr produziert, knapp 4,8 Millionen Tonnen Fleisch wurden aufgegessen. Pro Kopf gerechnet kommt der Deutsche damit auf einen jährlichen Fleischverzehr von 60 Kilogramm; Vegetarier, Veganer und alle übrigen „Fleischverzichter“ inbegriffen. Hunger? Dann guten Appetit!

Dieser scheint den Verbrauchern langsam zu vergehen. So hat sich der Anteil der Vegetarier in Deutschland von 2006 auf 2013 verdoppelt – auf immer noch mickrige 3,7 Prozent. 60 Prozent der Deutschen wären aber bereit, ihren Fleischkonsum einzuschränken. Rückenwind insbesondere für die Bündnisgrünen, die fordern: „Wir müssen der industriellen Tierhaltung unbedingt Einhalt gebieten, schon jetzt werden die Nutztiere ein Nahrungskonkurrent für uns Menschen.“ Ausgesprochen hat diese Forderung Jutta Gerkan, Landtagsabgeordnete der Grünen und Initiatorin einer Fachkonferenz, die sich Wegen aus der „Sackgasse Massentierhaltung“ widmete.

Während Tierschützer und Umweltverbände dieser Forderung naturgemäß zustimmen, fühlen sich Viehhalter und Landwirte zu Unrecht ins schlechte Licht gerückt. Ihre Branche muss sich einer Masse von Vorwürfen erwehren: Verstöße gegen den Tierschutz, Verunreinigung des Grundwassers und die vorsorgliche Behandlung mit Antibiotika sind nur einige. Mit dem ökologischen Gewissen vieler Viehwirte sind diese Vorwürfe nicht zu vereinbaren.

Ohne Rückgang des Verbrauchs keine Abkehr von Massentierhaltung

Doch es gibt schwarze Schafe. Deren Praxis beschreibt Siegfried Üeberschär, Veterinärmediziner aus dem niedersächsischen Wedemark: „Es wird ohne Ende geimpft, nur so lässt sich diese Art der Haltung umsetzen“, erklärt der promovierte Tiermediziner. „Ich habe viele Tierkörper gesehen. Was auf Schlachthöfen passiert ist für mich nicht mehr akzeptabel.“ In Bezug auf den seiner Meinung nach groben Antibiotika-Missbrauch der industriellen Tiermast spricht er von „medizinischen Verbrechen“. Die Art der Massentierhaltung, wie sie in Anlagen wie der in Alt Tellin betrieben wird, sei „extremer Stress für die Tiere“, der nur durch ein Zurückschrauben des Fleischkonsums auf die Hälfte beendet werden könnte.

An dieser Stelle kommt der Verbraucher ins Spiel, der in „Meinungsumfragen zwar gern erwünschte Antworten gibt, an der Theke dann aber anders entscheidet.“ Das hat Gerhard Manteuffel vom Leibnitz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf erkannt. „Tiergerechte Haltung ist nicht zum Nulltarif zu haben“, sagt er, fürchtet aber, dass Verbraucher genau das gern hätten. Vielmehr sei die Lebensmittelindustrie ein „Abnehmer, der auf den Preis guckt“, weil der Endverbraucher sie dazu zwingt. Ohne den Rückgang des Verbrauchs werde es keine Abkehr von der Massentierhaltung geben, die Menschen essen deutlich über ihren Bedarf hinaus, sagt Gerhard Manteuffel.

Die Bauern und Viehwirte, für die der global wachsende Heißhunger auf Fleisch Fluch und Segen zugleich ist, haben dazu ihre ganz eigene Meinung. Entschieden wehren sie sich gegen den pauschalen Vorwurf, Antibiotika in rauen Mengen einzusetzen. „Wenn ein Tier krank ist muss ich es behandeln, das gebietet der Tierschutz“, so einer ihrer Vertreter aus dem Publikum der Konferenz.

„Wir müssen das Tierwohl aus Sicht des Tieres sehen“

Überhaupt müsse man relativieren, „worüber wir hier reden“. Ein mittelständischer Betrieb sei sich nicht mit der Anlage in Klein Daberkow zu vergleichen, wo 400 000 Hähnchen auf ihr Schicksal warten. „Bei 22 Hähnchen auf einem Quadratmeter Fläche gibt es keine Einzelbehandlung.“ Der einfache Viehwirt jedoch könnte auch einfacher leben, „da gehört nämlich eine Menge Idealismus dazu“, erklärt er weiter.

Diesen braucht es auch, um die zentrale Forderung zu erfüllen: „Wir müssen das Tierwohl aus Sicht des Tieres sehen“, fordert Gerhard Manteuffel. Art- und tiergerechte Haltung sei von mehr Faktoren abhängig als der bloßen Bemessung von Raum in Quadratmetern. „Kostenneutral ist das aber nicht zu machen“, so Manteuffel in Übereinstimmung mit Bauern und Tierschützern. Das muss jetzt nur noch der Verbraucher verstehen.