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Merkel findet Vertraute und Entspannung an der Ostsee

Kanzlerin mit vielen Freunden, aber ohne Zeit für Räucherfisch-Einkauf: Angela Merkel (CDU).

Die Bundeskanzlerin und CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel (CDU).
Jonas Güttler Die Bundeskanzlerin und CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel (CDU).

In 82 Metern über dem Meeresspiegel streift der Blick der Kanzlerin über die Ostsee, über Rügens Feuersteinfelder hinüber zum Fährhafen in Mukran und schließlich über sattgrüne Buchenwälder bis zur neuen Rügenbrücke in Stralsund. In einiger Entfernung zieht ein mächtiger Seeadler seine Kreise. Die Frau atmet durch. Das sind sie, die so selten gewordenen Ruhe-Momente im Leben der Angela Merkel. Neben ihr prustet noch Umweltminister Till Backhaus (SPD) außer Atem, doch der passionierten Wanderin merkt man die elf steilen Spiralringe des Baumwipfelpfades in Rügens neuem Naturerbe-Zentrum nicht an. Sie hat nur wenig Zeit, muss zurück nach Berlin. Aber den Aufstieg wollte sich die Kanzlerin auf gar keinen Fall nehmen lassen. Also marschierte sie forschen Schrittes die 1250 Meter hinauf zum Adlerhorst, die Fotografen stets im Schlepptau.

Von vielen geachtet, von manchem sogar regelrecht verehrt

Merkel ist gern in ihrem Wahlkreis, nicht nur im Wahlkampf. Das nimmt man ihr ab. Wann immer es ihr jenseits von Euro-Krise, Daten-Skandal und Hochwasser-Katastrophe zeitlich möglich ist, zwischen Terminen im Bund und in aller Welt, kommt sie nach Vorpommern, Rügen oder Greifswald. Hier trifft sie Vertraute, hier geht alles ein bisschen lockerer zu, hier gibt es die – wenn auch nur kurzen – Momente des Auftankens. Hier habe sie sehr viele Freundschaften geschlossen, sagt Merkel, die „daheim“, in ihrem Wahlkreis von vielen geachtet, und von manchem sogar regelrecht verehrt wird.

Vor 23 Jahren war das noch ganz anders. Damals hatte die 35-jährige frischgebackene Regierungssprecherin von DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) den endlos scheinenden Weg über die stets verkehrsreiche F 96 unterschätzt. Mit Verspätung traf sie seinerzeit im CDU-Kreisvorstand im Norden ein, um sich für ein CDU-Mandat vorzustellen. „Es herrschte eine ausgesprochen angespannte Atmosphäre“, erinnerte sich Merkel später an das Treffen. Das Gespräch mit den hiesigen CDU-Kapitänen sei ein regelrechtes Verhör gewesen. „Die hatten mich doch tatsächlich gefragt, was ich vom Zuckerrübenanbau wüsste und mich dann mit einer Fachbroschüre wieder nach Hause geschickt.“

Detailsicher und mit großem Sachverstand

Heute schätzt man hierzulande den Sachverstand der Kanzlerin. Selbst Spezialisten geben sich überrascht, wenn sie etwa im Sana-Krankenhaus in Bergen detailsicher über die Gesundheitsreform spricht oder wenn die gelernte Physikerin im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Greifswald mit Berufskollegen über Kernfusion und Energiewende debattiert.

Die lokalen CDU-Funktionäre loben die konstruktive Zusammenarbeit, den guten Draht zum Kanzleramt. „Die kommt nicht nur zum Durchschneiden von Bändern“, lobt Rügens CDU-Chef Burkhard Lenz. „Die kommt auch, wenn es um Probleme geht, um Arbeitsplätze. Und sie hängt ihr Engagement nicht gleich an die große Glocke.“ Das war beim Ausbruch der Vogelgrippe vor sieben Jahren so und auch, als sich im Jahr 2000 der Coca-Cola-Konzern aus der Hansestadt Stralsund verabschiedet hatte.

Mitarbeiter müssen den Fisch organisieren

Für Bürgergespräche wie einst in ihrem Stralsunder Wahlkreisbüro ist dagegen fast gar keine Zeit mehr. Vorbei sind jene Begegnungen in der Bäckerei Mahnke nebenan, in der die Politikerin vor ihrer Bürgersprechstunde frühmorgens noch selbst ihre Brötchen kaufte. Den Räucherfisch für die Familie Merkel müssen Mitarbeiter für die gestresste Kanzlerin organisieren.

Kontakt zur Basis muss heute anders funktionieren. Der Betriebsratschef der Volkswerft zum Beispiel soll Merkels Handy-Nummer haben, um im Notfall die krisenerfahrene Politfrau ohne Umwege konsultieren zu können. Als vor einem Jahr die P+S Werften in die Knie gingen, war Merkel, die sich auch schon mal zum Bier mit der Belegschaftsvertretung traf, sofort vor Ort. Die Insolvenz konnte aber auch sie nicht mehr verhindern. Doch in Stralsund spricht man hinter vorgehaltener Hand, dass es maßgeblich wohl auch Merkels Kontakten zu verdanken sei, dass es inzwischen russische Interessenten für den Schiffbaustandort gebe und zum Beispiel Nordic-Eigner Witali Jussofow für eine Übernahme bereitstehe. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Kanzlerin noch vor der Wahl den neuen Eigner vorstellen wird.

Die Optik stimmt

Natürlich kommt Merkel auch zum Bänder-Durchschneiden. Dann profitiert sie von ihrem Amtsbonus. Wenn im Nordosten Prestige-Projekte wie das Ozeaneum, die neue Rügenbrücke, die A 20, ein Windpark vor dem Darß oder die deutsch-russische Ostseepipeline eingeweiht werden, dann steht vor allem sie und ihre CDU im Rampenlicht. Und nicht selten wird dann vergessen, dass es oft gerade auch die SPD und der damalige Kanzler Gerhard Schröder waren, die jene Millionen-Projekte auf den Weg gebracht hatten.

Merkel legt bei solchen Einweihungsfeiern immer sehr großen Wert auf die Kraft der Bilder. Penibel achten dann die Teams von Bundespresseamt, CDU und Wahlkreis darauf, dass sich die Fotografen genau am richtigen Standort positionieren. Merkel vor dem Pylon in Stralsund, Merkel im Kreis von Matrosen in der Marinetechnikschule Parow, Merkel mit US-Präsident George W. Bush beim Wildschwein-Grillen in Trinwillershagen, Merkel beim Füttern von Pinguinen auf der Ozeaneum-Terrasse oder Papageien im Vogelpark Marlow… Die Optik stimmt, denn entscheidend scheint vor allem das gute Foto zu sein. Interviews werden in der Regel mit Verweis auf den engen Terminplan abgelehnt, erst recht, wenn sie nicht unmittelbar mit dem aktuellen Ereignis im Heimatwahlkreis zu tun haben.

Siebte Kandidatur

Nun kandidiert die Frau, die zuletzt vor vier Jahren 49,3 Prozent der Erststimmen holte, zum siebten Mal im Wahlkreis 15. Auf ihren Wahlkampfveranstaltungen, etwa in Zingst, Binz und Heringsdorf, trifft man vor allem Urlauber, die einmal die Kanzlerin „ganz in echt“ sehen wollen. Merkel wirbt dann für einen soliden Haushalt und Investitionen in den Straßenbau, erklärt, warum Unternehmen nicht sofort wieder mit erhöhten Steuern belastet werden dürfen und lobt auch die deutschen Fußball-Frauen.

Anerkennung zollt Merkel sogar ihrem Amtsvorgänger für die Agenda 2010. Aber leider habe sich die heutige SPD immer mehr davon verabschiedet, kritisiert sie.

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