Soziologe im Interview:

Mit Hartz IV stigmatisiert und zum Rumsitzen verdammt

Nach einer Studie der Universität Jena werden Hartz-IV-Empfänger stigmatisiert. Dies sei für die Betroffenen inzwischen vergleichbar mit derschwarzen Hautfarbe im Süden der USA, sagte der Soziologe Klaus Dörre.

Der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre.
Michael Schinke Der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre.

Ihre Studie bescheinigt den Hartz-Reformen eine fatale Bilanz – warum?

Der entscheidende Punkt ist, dass die aktivierende Arbeitsmarktpolitik nichts aktiviert. Der Anspruch ist gewesen, dass man die Erwerbsorientierung der Betroffenen verändern kann und dies umso besser, je ungemütlicher man die Erwerbslosigkeit gestaltet. Dabei wird ausgeblendet, dass die Erwerbsorientierung im Laufe des Lebens angeeignet wird, relativ stabil ist und nicht einfach umgeformt werden kann.

Allerdings würde der Großteil der Bevölkerung den Grundsatz des Forderns und Förderns wohl unterschreiben.

Den Hartz-Reformen liegt das Bild der faulen, passiven Langzeitarbeitslosen zugrunde, die es sich in der Hängematte des Wohlfahrtsstaates bequem machen. Das können wir nicht feststellen. Das Gros der Erwerbslosen und prekär Beschäftigten im Leistungsbezug ist von sich aus aktiv. Die Aktivierungsbemühungen gehen an ihnen vorbei und nutzen ihnen wenig bis gar nichts. Es gibt nur eine kleine Gruppe mit einem Anteil von acht bis zehn Prozent der Leistungsbezieher, die nicht mehr kann und nicht mehr will. Bei ihnen kann man auch mit Sanktionen nicht viel bewirken. Eine reiche Gesellschaft muss so eine Gruppe aushalten.

In Ihrer Studie stellt sich Hartz IV als Teufelskreis dar, dem man kaum entrinnen kann.

Was wir finden ist, dass es für kaum einen Befragten Verbesserungen gegeben hat. Den Sprung aus dem Leistungsbezug haben ganz, ganz wenige in unserem Sample geschafft. In den sieben Jahren (der Befragung) haben wir bei manchen zehn, zwölf Stationen – Ein-Euro-Job, Praktikum und Ähnliches – am Ende ist man aber immer wieder im Leistungsbezug. Man strampelt enorm, kommt aber nicht von der Stelle.

Welche Folgen hat Hartz IV für die Betroffenen?

Hartz IV wirkt wie ein Stigma. Das Zusammenlegen von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe wurde als Besserstellung von Sozialhilfebeziehern verkauft. Das Gegenteil ist richtig. Der springende Punkt ist, dass etwa Frauen im Osten, die lange berufstätig waren und dann herausfallen, sich jetzt als Leute wahrnehmen, die unter die Schwelle der Respektabilität gedrückt werden, auf eine Stufe gestellt werden mit Sozialhilfebeziehern. Das ist eine enorme Kränkung. In der Gesellschaft als „Hartzi“ identifiziert zu werden, ist ähnlich wie dunkle Hautfarbe zu haben im Süden der USA.

Betroffene sollen sich immer mehr von der Gesellschaft abschotten.

Je länger man im Hartz-IV-Bezug bleibt, desto stärker ist man gezwungen, sich mit materieller Knappheit und fehlender Anerkennung zu arrangieren. Sie meiden Leute, die Arbeit haben, weil sie nicht wollen, dass das Gespräch auf ihre Situation kommt; sie gehen nicht mehr in die Kneipe, weil sie ihrem Bekannten kein Bier ausgeben können. Man trifft sich immer häufiger mit seinesgleichen und entwickelt einen Überlebenshabitus, der der Gesellschaft die Stigmatisierung erleichtert. Das führt dazu, dass man sich immer weiter isoliert und es immer schwerer wird, zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören.

Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?

Der erste Schritt müsste sein, die Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger aufzuheben. Ein solcher Gängelungsapparat ist unsinnig und rechtfertigt die Kosten nicht. Es muss sinnvolle Beschäftigung geschaffen werden. Und wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn.

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung