Mehrere Schießereien und Explosionen:

IS bekennt sich zu Terroranschlägen in Paris

Es ist die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Mindestens 128 Menschen werden innerhalb von wenigen Minuten in Paris getötet. Präsident Hollande verhängt über Frankreich den Ausnahmezustand. Wir haben für Sie die wichtigsten Fakten zusammengefasst.

Lukas Schulze/dpa Ein Mann zündet am 14.11.2015 vor der Französischen Botschaft in Berlin Kerzen an.

Das geschah am 13.11.2015:

Die französischen Zeitungen titeln "Horror" und "Krieg in Paris". Der Terror hat Paris zehn Monate nach dem Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" erneut ins Mark getroffen. Und der Schrecken erreicht ein neues Maß: Die Attentäter ziehen mit Sprengstoffgürteln los, an mindestens sechs Orten schlagen sie zu. Mindestens 120 Menschen sterben. Präsident François Hollande spricht von "Barbarei".

Die Orte des Terrors:

Im Visier standen ein beliebtes Ausgehviertel im Osten der Stadt sowie das Stadion, in dem am Abend des 13.11. die deutsche Fußballnationalmannschaft spielte. Ein Massaker richteten die Angreifer im Musikclub "Bataclan" an. Nach Berichten von Augenzeugen schossenTerroristen dort wild um sich, nahmen Geiseln. Dutzende Menschen starben.

Das geschah in der ausverkauften Konzerthalle:

Die beliebte Konzerthalle mit etwa 1500 Plätzen ist für ein Konzert der US-Band "Eagles of Death Metal" ausverkauft. Mehrere Angreifer sprengen sich später selbst in die Luft."Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen", sagt Konzertbesucher Louis dem Sender France Info. Sie hätten in die Menge geschossen und dabei "Allahu akbar" gerufen - "Allah ist groß". Eine offizielle Bestätigung für ein islamistisches Motiv der Anschläge gibt es zunächst nicht.

Der Journalist Julien Pearce vom Radiosender Europe 1, der selbst im Saal war, berichtet: "Es waren zwei oder drei Leute, die nicht maskiert waren. Sie hatten Maschinengewehre wie Kalaschnikows dabei und haben sofort angefangen, wild um sich zu schießen." Er fügt an: "Das hat 10, 15 Minuten gedauert. Das war von extremer Gewalt. Es gab Panik. Alle sind Richtung Bühne gerannt. Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen. Sie waren nicht maskiert. Sie traten sehr beherrscht auf. Sie waren sehr jung." Augenzeuge Marc Coupris berichtet dem britischen "Guardian", Angreifer feuerten auch von der Galerie herunter.

Ruhiges Länderspiel: Frankreich gegen Deutschland

Gleichzeitig spielen die Fußballnationalmannschaften von Frankreich und Deutschland vor knapp 80 000 Menschen im Stade de France, nördlich von Paris. Da sind plötzlich aus der Umgebung mehrere Explosionen zu hören. Als es das zweite Mal knallt, schaut Frankreichs ballführender Verteidiger Patrice Evra verstört nach oben. Das Spiel läuft weiter, schnell verbreiten sich aber unter den Zuschauern Gerüchte. Doch eine Panik bricht nicht aus. Weitgehend geordnet verlassen die Zuschauer das Stadion, in dem am 10. Juni die EM eröffnet und am 10. Juli 2016 beendet wird. Einige zieht es zum Ort der schrecklichen Geschehnisse mit zwei Bombenexplosionen. Einen Blick darauf lässt die Polizei aber nicht zu.

Das sind die Täter:

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung zu den Anschlägen von Paris bekannt. "Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats [...] griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an", hieß es in einer im Internet kursierenden Botschaft im Namen des IS. Es seien Sprengstoffgürtel und Maschinenpistolen eingesetzt worden.

In dem Schreiben werden neue Drohungen ausgesprochen: Frankreich werde ganz oben auf der Liste der Ziele bleiben, heißt es darin. Zugleich wird indirekt auf die französischen Luftangriffe auf den IS verwiesen: Der Geruch des Todes werde ihre Nasen nicht verlassen, solange sie den Propheten beleidigten und Muslime im Land des Kalifats angriffen. Bei der Serie von Attentaten waren am späten Freitagabend in Paris mindestens 128 Menschen getötet und zahlreiche verletzt worden.

In Frankreich hatte ein Attentäter kurz nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Januar eine Polizistin sowie vier Juden in Paris getötet - in einem Internetvideo hatte er dem Anführer des Islamischer Staates, Abu Bakr al-Bagdadi, einen Treueeid geschworen. Sollten die Angriffe in Paris tatsächlich auf das Konto des Islamischen Staates gehen, wäre dies die erste koordinierte Attacke der Terrormiliz in der westlichen Welt.

Die französische Luftwaffe fliegt seit dem 27. September 2015 Luftangriffe auf Einrichtungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien.

Die derzeitige Lage in Paris: Chaos und beängstigende Stille

Noch sind viele Fragen offen, doch klar ist: Dieser blutige Freitag der 13. ist für Frankreich der traurige Tiefpunkt eines Jahres, in dem quasi im Monatstakt vereitelte oder erfolgreiche Anschlagspläne für Schlagzeilen sorgten. Tausende Soldaten sind zum Schutz gefährdeter Orte im Einsatz, das Parlament hat den Geheimdiensten neue Kompetenzen eingeräumt. Dass trotzdem acht Attentäter in einer derart konzertierten Aktion zuschlagen konnten, dürfte noch für Diskussionen sorgen - zumal in zwei Wochen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs zur UN-Klimakonferenz in Paris erwartet werden.

Die Regierung verhängt den Ausnahmezustand, und genau so fühlt sich die Lage in Teilen der Hauptstadt auch an. Straßen sind weiträumig abgesperrt, Menschen müssen Regionalbahnen und Metros räumen, auch Taxis sind schwer zu bekommen. "Alles ist blockiert", sagt eine junge Frau. Mit Handys am Ohr versuchen viele, irgendwie nach Hause zu kommen. Rettungswagen sind unterwegs, die Krankenhäuser haben einen Notplan eingesetzt. Sirenen tönen, sonst herrscht teils fast schon beängstigende Stille. Über dem Gebiet des Stadions und der Stadt kreisen Hubschrauber. Fassungslos weinen Menschen.

Krisentreffen in Deutschland:

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will bei einem Krisentreffen mit ihren zuständigen Ministern über mögliche Konsequenzen beraten. Das kündigte Merkel am Samstag an. Die Sitzung ist für 13.00 Uhr im Kanzleramt angesetzt. Daran sollen unter anderem Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der Chef des Bundeskanzleramtes, Peter Altmaier (CDU) und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) teilnehmen.

Die Kanzlerin sagte einen Auftritt beim Landesparteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern in Binz ab. Auch de Maizière, Gabriel und Altmaier verzichten auf die geplante Teilnahme an Parteiveranstaltungen. Der Bundesinnenminister will im Laufe des Tages auch mit den Vertretern der Sicherheitsbehörden des Bundes in Berlin über Konsequenzen aus den Attentaten beraten. Gabriel gibt am Mittag um 12.30 Uhr in der Berlin Parteizentrale ein Statement ab. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat nach Informationen aus seinem Umfeld entschieden, am Samstag bei der Syrien-Konferenz in Wien zu bleiben. Es gebe aber enge Absprachen mit der Kanzlerin und dem Auswärtigen Amt in Berlin, hieß es.

Bundespräsident Joachim Gauck äußert sich am Samstagvormittag (11.30) in seinem Berliner Amtssitz Schloss Bellevue. Gegen 12.00 Uhr will sich das Staatsoberhaupt in der französischen Botschaft in Berlin in das dort ausgelegte Kondolenzbuch eintragen. Bereits in der Nacht hatte sich Gauck "tief erschüttert" gezeigt über die Attentate, bei denen nach neuesten Angaben mindestens 128 Menschen starben. "Meine Gedanken sind bei den Opfern, Ihren Angehörigen und dem französischen Volk."
 

 

Notfallnummer für Betroffene

Sie können jemanden nicht erreichen, der sich gerade in Paris befindet? Für diesen Fall hat die Stadt Paris eine Notfallnummer für Touristen eingerichtet: +33 1 45 50 34 60.

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