Bundeswehr im Trauma:

Soldaten leiden stärker als sie es je zugeben würden

Zu Tausenden kehren Bundeswehr-Soldaten mit psychischen Störungen zurück. Viele haben schon seelische Probleme, bevor sie in den Einsatz gehen. Das Problem ist größer als bisher bekannt.

Sie haben die gleiche Kleidung, die gleiche Aufgabe und doch verarbeiten sie die Erlebnisse bei Auslandseinsätzen unterschiedlich. Mehr Bundeswehrsoldaten als bisher angenommen haben mit psychischen Störungen zu tun.
Maurizio Gambarini Sie haben die gleiche Kleidung, die gleiche Aufgabe und doch verarbeiten sie die Erlebnisse bei Auslandseinsätzen unterschiedlich. Mehr Bundeswehrsoldaten als bisher angenommen haben mit psychischen Störungen zu tun.

Die Bundeswehr nennt das Phänomen die „unsichtbare Verwundung“. Sie kommt weitaus häufiger vor als die körperliche Verletzung bei Anschlägen oder in Gefechten im Auslandseinsatz. Gemeint sind Angstzustände, Alkoholismus, Depressionen und Traumatisierungen – eine ganze Palette von psychischen Störungen. Für die Bundeswehr ist das Phänomen relativ neu. Seit 20 Jahren gibt es Auslandseinsätze, aber erst in Afghanistan wurde die Bundeswehr regelmäßig Ziel von Anschlägen und in Gefechte verwickelt. Seitdem schnellt die Zahl der an PTBS erkrankten Soldaten in die Höhe: PTBS steht für „Posttraumatische Belastungsstörungen“, ein medizinischer Begriff für Albträume und Panikattacken, die meistens erst Monate nach dem Einsatz auftreten.

Die Zahl der behandelten Fälle stieg allein zwischen 2009 und 2012 von 466 auf 1147. Dass die Dunkelziffer deutlich höher ist, war lange klar. Viele erkrankte Soldaten versuchen psychische Erkrankungen zu verbergen – aus Angst vor Stigmatisierung und sinkenden Aufstiegschancen. Jetzt gibt es erstmals eine wissenschaftliche Studie, die ein fundiertes Bild bietet.

Alkoholismus, Depressionen und krankhafte Angstzustände

Erstellt wurde sie von der Technischen Universität Dresden unter Leitung von Hans-Ulrich Wittchen. Danach ist das Problem nicht auf PTBS beschränkt und weitaus größer als bisher bekannt. Nur 56 Prozent der psychischen Erkrankungen bei Einsatzsoldaten werden laut Studie erkannt, nur 18 Prozent therapiert. Die Zahl der psychischen Erkrankungen neben PTBS – also vor allem Alkoholismus, Depressionen und krankhafte Angstzustände – ist deutlich höher als erwartet. Für das meiste Aufsehen sorgt aber ein anderer Befund. Jeder fünfte Soldat geht schon psychisch gestört in den Einsatz. Das hört sich erst einmal dramatisch an. Allerdings ist der Anteil der Menschen mit psychischen Störungen an der Gesamtbevölkerung noch höher.

Dennoch drängt sich die Frage auf, ob man psychisch labile Soldaten den Belastungen eines Einsatzes aussetzen darf. Studienleiter Hans-Ulrich Wittchen ist gegen ein generelles Einsatzverbot. Man müsse sich allerdings gut überlegen, welche Aufgaben die Soldaten noch übernehmen könnten. „Wenn einer keine ruhige rechte Hand hat, dann wird er nicht zum Scharfschützen werden im Einsatz.“