Reform des Pflege-TÜV :

Verloren im Pflegebetrieb –Betroffene sind oft hilflos

Immer wieder gibt es Berichte über Missstände in der Altenpflege. Nun soll der Pflege-TÜV verschärft werden – doch auf die Noten für die Heime können sich Betroffene wohl auch künftig nicht verlassen.

Pflegeheime werden regelmäßig geprüft - doch die Noten sagen wenig. Nun soll der Pflege-TÜV reformiert werden. Foto: Angelika Warmuth
Angelika Warmuth Pflegeheime werden regelmäßig geprüft - doch die Noten sagen wenig. Nun soll der Pflege-TÜV reformiert werden. Foto: Angelika Warmuth

Der Großvater lag zwischen Sofa und Couchtisch auf dem Fußboden. Er war gefallen und kam aus eigener Kraft nicht mehr hoch. Ab da erschien es der Familie unverantwortlich, dass der 93-Jährige weiter allein lebt. Die Heimsuche begann – eine Odyssee. Die Wahl fiel schließlich auf eine Einrichtung mit der Note 1,1. Bald nach Einzug des Opas merkten die Angehörigen aber, wie miserabel die Zustände im Heim in Wahrheit waren. Nun soll ein verbessertes Notensystem helfen – doch Schwächen werden bleiben, befürchten Experten.

Jahrelang verhandelten Heimbetreiber und Krankenkassen über einen besseren sogenannten Pflege-Tüv. Hinter verschlossenen Türen gab es einen Kompromiss, der bald in Kraft treten soll. Künftig soll es weniger Bestnoten geben. Angehörige sollen im Internet besser erkennen können, wie eine Einrichtung in Kernbereichen wie etwa der Abwehr von Druckgeschwüren und Flüssigkeitsmangel abschneidet.

Kann der Pflege-TÜV künftig Missstände gründlich aufdecken – und Betroffenen schnell Auskunft über die Qualität eines Heims geben? Der Hamburger Gesundheitswissenschaftler Johannes Möller hatte das bisherige Prüfsystem untersucht – und Mängel festgestellt. Nun sagt er, eine verständliche Beurteilung könne es nur geben, wenn die Noten etwas über die Qualität aussagen. „Das gibt es auch künftig nicht.“

Betroffene würden von Dienst zu Dienst „verkauft“

Für die Anti-Korruptions-Organisation Transparency ist der Pflege-TÜV nur eines von vielen Beispielen für Überbürokratisierung in der Pflege, wie die ehemalige SPD-Landesministerin und Transparency-Mitarbeiterin Barbara Stolterfoht kritisiert.

Transparency holt weit aus: Korruption, Betrug und Geldmacherei auf Kosten der Schwächsten der Gesellschaft seien bei den Heim- und Dienste-Betreibern an der Tagesordnung. Zwischen Pflegediensten gebe es sogar modernen Menschenhandel – Betroffene würden von Dienst zu Dienst „verkauft“.

Der Rundumschlag geht nicht nur dem Bundesgesundheitsministerium zu weit. Auch der Hamburger Forscher Möller sagt an die Adresse von Kritikern wie Transparency: „Legt Beweise vor oder schweigt.“ Die Organisation beruft sich unter anderem auf Interviews mit Insidern. Diese müssten geschützt bleiben.