Bundestagskandidaten aus MV:

Was Herr Terpe an Stelle von Fleisch empfiehlt

Sechsfacher Vater, Fürsprecher für gelockerten Umgang mit Cannabis, Biofleisch-Käufer: Harald Terpe (Grüne).

Grüne Politik durch die Sonnenblume: Auf dem Marktplatz in Güstrow wirbt Harald Terpe aus Rostock um Zustimmung bei der Bundestagswahl.
Marlis Tautz Grüne Politik durch die Sonnenblume: Auf dem Marktplatz in Güstrow wirbt Harald Terpe aus Rostock um Zustimmung bei der Bundestagswahl.

Da sind sie also, die donnerstags das Fleisch streichen wollen. Auf dem Marktplatz in Güstrow flattert ein grüner Wimpel über einem Bottich mit Sonnenblumen. Ja, hier werben die Grünen. Im Landtag sitzt die Partei seit zwei Jahren. Das hat ihr Auftrieb gegeben. Der einzige grüne Bundestagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern, der Rostocker Pathologe Harald Terpe (59), lobt die Kolleginnen und Kollegen Landespolitiker. „Sie haben ein Gespür dafür, Themen aufzugreifen, an die sich andere nicht rantrauen“, sagt er, greift sich einen Schwung Blumen und wendet sich wieder seinem Wahlkampf zu.

Die Sonnenblumen kommen nicht an

Harald Terpe steht mit Ulrike Seemann-Katz an der Spitze der Landesliste und will zum dritten Mal in den Bundestag. „Ein Bauer aus der Gegend liefert die Sonnenblumen, ein Biobauer“, sagt der Wahlkämpfer. Das junge Paar mit Sportkarre muss die freundliche Gabe ausschlagen. „Wäre doch schade drum“, sagt der Mann. Sie seien Urlauber und noch den ganzen Tag unterwegs. „Und von uns haben Sie sowieso eine Stimme sicher.“ Als Familie sei ihnen an gut bestellten Kindertagesstätten und alternativer Energie mehr gelegen als an Herdprämie oder Atomkraft.

Zankapfel Veggie-Day

Am Infostand in Terpes Rücken macht die Wahlkampfhelferin Politik: Ihr sind die Grünen beinahe etwas zu brav geworden über die Jahre. Mit einer Einladung zum Fleisch-Verzicht einmal in der Woche, dem Veggie-Day am Donnerstag, habe die Partei nun endlich mal wieder einen Zankapfel auf den Tisch gelegt. „Gut so.“ Das Ergebnis scheint ihr Recht zu geben. Prompt haben sich die politischen Gegner, allen voran die Liberalen, am Thema Fleisch – nun ja – festgebissen. „Zu viel ist gar nicht gesund“, sagt eine ältere Güstrowerin, bekennt eine Vorliebe für Biogeflügel und greift entschlossen nach dem Faltblatt, das die Massentierhaltung brandmarkt. „Und zu Steuern nehme ich mir auch noch was mit.“

Bei dem Thema hakt Harald Terpe ein. Zu oft, kritisiert er, wurden die Pläne seiner Partei mit Vorsatz verdreht und falsch dargestellt. „Nicht Sie und nicht ich müssten mehr Steuern zahlen.“ Es gehe um die rund 10 Prozent der Bevölkerung, in deren Händen sich 90 Prozent des Vermögens konzentrieren, genau die würden stärker belastet.

Und noch etwas will er klarstellen: Entscheidend sei nicht das Jahresbruttoeinkommen, sondern das um einige Tausend Euro geringere, zu versteuernde Einkommen.

Vor acht Jahren Mandat gewonnen - allen zum Trotz

Der Wahlkampf durch die Blume erfreut nun zwei Damen beim Bummeln, eine stammt aus Großbritannien. Harald Terpe parliert prompt auf Englisch drauf los. Es geht um die „Green Party“ auf der Insel. Die gebe es zwar, erklärt er, allerdings sei ihr Einfluss durchaus steigerungsfähig. Vielleicht könnte die mehr und mehr erstarkende grüne Bewegung aus Deutschland ein wenig abfärben? Die Britin jedenfalls gibt ihm ein „Good luck“ auf den Weg. Alles Gute.

Vor acht Jahren hatte Harald Terpe zum ersten Mal für den Bundestag kandidiert und prompt ein Mandat gewonnen – allen zum Trotz, die ihm das Etikett „ohne Chance“ angeheftet hatten. Seinerzeit fühlte er sich noch etwas mehr bei Bündnis 90 als bei den Grünen zu Hause.

„Diese DDR, die wollte ich nicht mehr“

Sein Weg in die Politik hatte 1989 in der Bürgerbewegung begonnen, mit der Erkenntnis: „Diese DDR, die wollte ich nicht mehr“. Er wurde Sprecher beim Neuen Forum, saß ab 1990 für Bündnis 90 in der Rostocker Bürgerschaft, lange Jahre als Vorsitzender der Fraktion. „Ich bin kein Typ für ein Strohfeuer“, sagt er. 2007 trat er der grünen Partei bei, die kurz zuvor ihren Einzug ins Landesparlament vermasselt hatte. Da hielt er ein Zeichen des Zuspruchs für geboten. 2009 konnte er seinen Sitz im Bundestag verteidigen.

Als gesundheits-, drogen- und suchtpolitischer Sprecher seiner Fraktion wurde Harald Terpe zuletzt vor allem dann zitiert, wenn es um eine Lockerung des Haschischkonsums oder um die Organspende ging. Einen Spenderausweis besitzt er derzeit nicht. „Ich hatte schon einmal einen und werde auch wieder einen haben, denn ich bin von der Sinnhaftigkeit überzeugt. Aber das System ist noch nicht transparent genug“, sagt er in feinster Politiker-Sprache und macht sich für einen „sauberen Neustart“ stark.

Vater von sechs Kindern zwischen zwei und 33 Jahren

Auch beim Thema Haschisch dürfte es interessieren, wie Harald Terpe, immerhin Vater von sechs Kindern zwischen zwei und 33 Jahren, darüber denkt. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau hatte er wieder geheiratet und wie schon zuvor einen Sohn, eine Tochter und noch einen Sohn bekommen. „Statt strikter Verbote brauchen wir einen gesetzlichen Rahmen für den kontrollierten Umgang mit Cannabis“, sagt er. Das Zeug sei ja doch überall zu haben. „Der Schwarzmarkt fördert nur den unverantwortlichen Umgang“, sagt er und hat dabei sowohl die weltweiten Drogenkartelle als auch die Beschaffungskriminalität vor der Haustür im Sinn. In Deutschland gehe die Ächtung von Hanfprodukten sogar so weit, dass nicht einmal Studien zur medizinischen Wirksamkeit bei Krankheiten wie Multipler Sklerose möglich seien. „Ist dass sinnvoll?“

Und was empfiehlt Herr Terpe am Donnerstag anstelle von Fleisch? „Vor allem will ich niemandem vorschreiben, wann und wie oft er Fleisch isst“, sagt er. Bei Terpes zu Hause kommt bevorzugt Fisch auf den Tisch, und wenn Fleisch, dann „Qualität vom Biobauern aus der Region“. Genau wie bei den Sonnenblumen, von denen mittlerweile keine Einzige mehr im Bottich steht.