Bundestagskandidaten aus MV:

Wie Genosse Bartsch das System überwinden will

Ex-Fallschirmjäger, Apfelschorle-Trinker und Marx-Zitierer: Dietmar Bartsch (Linke) im Porträt.

Dietmar Bartsch (rechts), hier mit Oskar Lafontaine.
Michael Urban Dietmar Bartsch (rechts), hier mit Oskar Lafontaine.

Wie viele lange Menschen läuft der ehemalige NVA-Elitesoldat leicht vornübergebeugt. Ex-Fallschirmjäger Dietmar Bartsch, Spitzenkandidat der Linken in Mecklenburg-Vorpommern, ist auf dem Weg zum Wahlkampfauftritt im Kurpark des Seebades Boltenhagen: „Wir waren als einzige schon immer konsequent gegen den Afghanistaneinsatz. Und jetzt werden die Truppen abgezogen“, reklamiert Bartsch die Entscheidung als Erfolg für die Linken. Das Gleiche gelte für die Einführung des Mindestlohns und die Abschaffung der Praxisgebühr – erst wollten die anderen nichts davon wissen, jetzt machten die meisten mit. Der Genosse auf der Bühne, der die vorbereiteten Fragen stellt, ist schon überzeugt.

"Ich würde nie von mir sagen, dass ich ein Pazifist bin"

Hinterher, im Strandkorb des Cafés, streckt Bartsch die Beine aus, bestellt eine Apfelschorle und zeigt Profil – das Gesicht seitwärts zum Gesprächspartner. 1978 sei er zum letzten Mal mit dem Fallschirm abgesprungen, nach seiner Entlassung aus der NVA dann nie wieder. Und spricht einen überraschenden Satz für einen konsequenten Gegner der bisherigen Auslandseinsätze der Bundeswehr: „Ich würde nie von mir sagen, dass ich ein Pazifist bin. Aber was seit der Jahrtausendwende passiert ist, ist für mich völlig inakzeptabel. Heute ist der Krieg in unser Bewusstsein zurückgekommen, einschließlich toter Soldaten. Noch unter Kohl war das völlig anders, da wurde das breit diskutiert. Jetzt schafft es eine Mandatsverlängerung nicht mal mehr in die Tagesschau.“ Die Bundeswehr sorge an keiner Stelle wirklich für Frieden. Sinnvoller sei Entwicklungshilfe. Bartsch räumt aber auch ein: „Wir müssen jedes Mal prüfen, wie zu entscheiden ist. Es gab zum Beispiel die gewaltigen Konflikte im Sudan, da gab es für mich eine andere Situation, da habe ich länger nachgedacht. Ich bin auch jemand, der in der Linken dafür wirbt, nicht prinzipiell Nein zu sagen Es kann Dinge geben, wo es richtig ist.“ Sagt der Kandidat, der als Pragmatiker in der Partei gilt und dem auch der fundamentalistische und der westdeutsche Flügel beim Parteitag in Göttingen eine empfindliche Niederlage bei seiner Kandidatur zum Bundesvorsitz beigebracht hat. Das war vor gut einem Jahr.

„Ich blicke auf Göttingen nicht mit Verzagtheit. Der Parteitag hat entschieden und ich bin mit mir völlig im Reinen“, sagt Bartsch, nippt an der Apfelschorle und guckt gelassen – ganz so, als ob er Helmut Holters Einschätzung seiner Person bestätigen will. Denn der Fraktionschef der Linken im Schweriner Landtag beschreibt Bartsch als „kühlen Norddeutschen“, der andererseits auch ein „leidenschaftlicher Politiker“ sei. Gemeinsam mit Gregor Gysi ist Holter ebenfalls auf Wahlkampftour in Boltenhagen. „Ich bin ja weiter der Stellvertreter von Gysi als Bundestagsfraktionschef und Spitzenkandidat in MV“, sagt Bartsch denn auch: „Ich bin weiter vorn mit dabei.“

"Bartsch? Das ist doch der, der vom Verfassungsschutz überwacht wird"

Der Fall Göttingen sei keiner, in dem es um Personen gegangen sei, sondern vielmehr um Richtungen: „Welche Funktion will die Linke in der Gesellschaft einnehmen?“ Die sei, sagt der Genosse, der einst in Moskau studiert hat, „die Kernfrage“. Seine Position: „Eigenständige Partei, systemüberwindend, aber selbstverständlich immer auch bündnisfähig.“ Da ist es – bündnisfähig. Das Wort, das so mancher in der Partei nicht hören kann, weil er lieber Fundamentalopposition spielen will. Während andere sich wohl eher an der Überwindung des Systems stoßen.

„Bartsch? Das ist doch der, der vom Verfassungsschutz überwacht wird“, sagt das junge Paar aus Ulm, das Urlaub in Boltenhagen macht, und nun – zwar eher den Grünen zugeneigt - Gysi erleben will. „Wie fühlt man sich, wenn man vom Verfassungsschutz überwacht wird?“, wollen Phillipp Bross und seine Freundin wissen. An Absurdität nicht zu überbieten sei das, sagt der Kandidat. „Wir sind das Parlament und kontrollieren die Geheimdienste und nicht umgekehrt. Mir persönlich ist es ja völlig wurscht. Aber gerade in den alten Ländern hat es eine abschreckende Wirkung. Die kennen Berufsverbote.“

Forderung nach Millionärssteuer

Aber die Überwindung des Systems? Was heißt das? „Für Deutschland nenne ich nur zwei Zahlen – jedes Jahr wächst die Zahl der Vermögensmillionäre und zugleich wächst die Zahl der Kinder in Armut. Das ist so nicht zu akzeptieren“, so der Haushaltsexperte der Partei, die auch eine Millionärssteuer fordert. Bartsch nennt noch ein anderes Beispiel: „Auf der Welt sterben jährlich viele Millionen an Hunger, aber die Landwirtschaft kann die Menschheit eigentlich zweimal ernähren. Das muss am System liegen.“ Und Ursache sei das privatkapitalistische Eigentum. Das auf Konkurrenz ausgerichtete System führe zu diesen Perversionen. Doch unbestritten sei für ihn auch, dass die Alternative nicht der Staatssozialismus sei. Die Dinge der öffentlichen Daseinsvorsorge, wie Wasser, Strom, Verkehrsnetze, die müssten in die öffentliche Hand. Wie übrigens Banken ebenfalls. „Und keine Vergesellschaftung des Geigenbauerbetriebes. Und mit demokratischen Mehrheiten.“

Im Moment sind die Massen von den Linken gar nicht so ergriffen.

Das sind Ideen. Bartsch kennt sich mit ihnen aus. Auf seiner Homepage zitiert er Marx: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.“ Das Problem: Im Moment sind die Massen von den Linken gar nicht so ergriffen. Bei sieben Prozent dümpelt die Partei. Doch der Kandidat erinnert an die Nachwendezeit: „Damals waren die Massen aber verdammt klein. Wir hatten 2,4 Prozent bei der Bundestagswahl. Wer hätte 1990 gedacht, dass wir an Landesregierungen beteiligt sind, dass wir in einer Landeshauptstadt die Oberbürgermeisterin stellen, Landräte, in vielen Städten die stärkste Fraktion. Das ist eine Erfolgsgeschichte, obwohl ich mir natürlich auch 25 Prozent wünschen würde.“ Wie viele lange Menschen läuft Bartsch leicht vornübergebeugt. Hängende Schultern hat er aber nicht.

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