Offshore-Anlagen:

Windmühlen brauchen einen Diesel-Tropf

„Skandalös“ – hallt es durchs Land: Da brauchen „Öko-Windmühlen“ der Nordsee-Offshore-Anlage „Riffgat“ Diesel. Doch das gab es auch schon auf der Ostsee. Bis zum Mai 2011 musste „Baltic 1“ mit Notstrom-Aggregaten versorgt werden.

Werner Götz vom EnBW-Vorstand und der Nachhaltigkeitsver-antwortliche des Unternehmens Lothar Rieht. Fotos: Ralph Schipke
Werner Götz vom EnBW-Vorstand und der Nachhaltigkeitsver-antwortliche des Unternehmens Lothar Rieht. Fotos: Ralph Schipke

Barhöft/Stralsund. Beim Offshore-Bau von Windparks scheint es zuzugehen, wie beim Märchen von Hase und Igel. Meistens ruft der Er-bauer und Betreiber: „Ick bün all dor!“ Und der Netzbetreiber – im Fall von „Baltic 1“ die Firma „50Hertz“ – hechelt hinterher. Keine Leitung, kein Strom. Die technischen Anlagen seien aber sofort dem rauen Seeklima ausgesetzt, erklärt Werner Götz. Er ist Mitglied des Vorstandes Erneuerbare und Konventionelle Erzeugung beim Stuttgarter Energiekonzern EnBW. Seine Firma betreibt mit „Baltic 1“ den „ersten kommerziellen Windpark Deutschlands auf See. So ist es in der Hochglanz-Firmenbroschüre nachzulesen.

Doch so lange sich die 21 Rotoren nicht drehten, weil noch kein Strom durch die „50Hertz“-Leitungen an Land transportiert werden konnte, musste auch draußen auf der Ostsee Diesel „verpulvert“ werden, um die Lebensfunktionen der teuren Anlagen aufrecht zu erhalten. „In solchen Ausnahmesituationen ist Diesel-Notstrom nichts besonderes“, erklärt EnBW-Vorstand Götz.

„Wir brauchen eine Klimatisierung und Luftentsalzung. Zudem haben wir Verkehrssicherungspflichten.“ In gebührendem Abstand und doch in Sichtweite, führt an „Baltic 1“ die viel befahrene Kadetrinne – eine wichtige Schifffahrtsroute auf der Ostsee – vorbei. „Die Frachter und Fähren sind darauf angewiesen, dass die Anlagen im Meer ordentlich gekennzeichnet sind. All diese Technik benötigt Strom.“

Auch auf den 21 Anlagen des Offshore-Wind-Parks „Baltic 1“ musste Betreiber EnBW darum von Herbst 2010 bis zur Inbetriebnahme im Frühjahr 2011 als Notbehelf Dieselaggregate installieren. Doch keineswegs, um die Rotoren in Bewegung zu setzen und eine Öko-Strom-Erzeugung „vorzutäuschen“. Derartige Schildbürgereien „wären ein ziemlicher Unfug gewesen“, muss Werner Götz lachen.

Die Schwaben engagieren sich in vier Windparks auf Nord- und Ostsee. Weit draußen, 32 Kilometer nördlich vor Rügen werden in „Baltic 2“seit diesem Jahr80 weitere Windräder zur Öko-Strom-Erzeugung montiert. Diese Anlage soll bis 2015 ans Festland-Stromnetz angeschlossen werden. Nicht völlig ausgeschlossen ist, ob nicht auch dieser Windpark für eine Übergangszeit mit Notstrom versorgt werden muss. „Sie haben eine technische Anlage“, erklärt EnBW-Manager Götz ein solches Notfall-Szenario. Und eine solche technische Anlage brauche Energie. „Wir hatten beim Bau von ,Baltic 1‘ die Situation, dass der Netzanschluss noch nicht anlag, obwohl wir betriebsbereit waren.“

Und so konnten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) am2. Mai 2011 erst nach mehrmonatigem „Dieselbetrieb“ den roten Knopf drücken, damit der Windpark seine Strommenge für etwa 50 000 Haushalte im Jahr an Mecklenburg-Vorpommerns Küste anlanden konnte.

In „Balitc 2“ investiert der baden-württembergische Energiekonzern derzeit weitere 1,2 Milliarden Euro. Der Aufbau von „Baltic 1“ hatte die Investoren über 200 Millionen Euro gekostet. „Wir haben dafür keine Fördermittel bekommen“, erklärt Werner Götz. Ausschließlich die neu geschaffenen Arbeitsplätze in der Leitwarte an Land in Barhöft, von wo aus EnBW seine Ostsee-Anlagen überwacht, seien vom Land Mecklenburg-Vorpommern gefördert worden. Dann ist da noch die Öko-Strom-Einspeisevergütung, wenn die Räder sich erst drehen.

Das könnten sie auf See bis zu 4000 Stunden im Jahr. Nur dort draußen bläst der Wind so stetig. Auch darum hat sich EnBW drei Jahre lang mit den Gegenargumenten von Touristikern und Umweltschützern befassen müssen, sie entkräftet oder ausgeräumt. „Es hat keine einzige Klage gegen unsere Anlage gegeben“, erinnert sich Götz. Erst nach langwierigem Genehmigungsverfahren durften 21 Fundamente für die Turbinentürme und eines für die Umspannplattform in etwa 17 Meter Tiefe unter dem Meeresspiegel in den Meeresboden „genagelt“ werden. Und noch später wurden die Seekabel verlegt und der Transport des Stroms an Land organisiert. Trotz der Verzögerungen eine technische Meisterleistung, meint der EnBW-Manager.

Bei „Baltic 2“ werden eines Tages 288 Megawatt Strom aus Wind erzeugt („Baltic 1“: 48,3 MW). Der nächste große Windpark vor Rügen soll ab 2014 Strom für 340 000 Haushalte liefern können. Aber nur, wenn das 32 Kilometer lange Seekabel zu „Baltic 1“ und somit der Netzanschluss ans Festland fertig ist. Und so „Hase“ Netzbetreiber, „Igel“ Stromerzeuger und Politik zeitgleich im Ziel ankommen.

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