Streit um Berliner Asylbewerberheim:

Wohin mit den Flüchtlingen?

Flüchtlinge verlassen eilig eine Notunterkunft in Berlin, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlen. Rechtspopulisten sagen „Nein zum Heim“. Überall herrscht Erregung und Konfusion.

Zwei Wachleute blockieren den Eingang. Wer nicht in dem neuen Asylbewerberheim im Berliner Stadtteil Hellersdorf lebt oder dort zu tun hat, darf auch nicht hinein. Plötzlich öffnet sich die Tür. Ein junger Mann mit Rollkoffer eilt mit einem Begleiter hinaus, läuft die Straße hinab, blickt nicht mehr zurück.

Der Mann aus Afghanistan gehöre zu den Flüchtlingen, die es in der Notunterkunft nicht mehr aushalten, sagt Canan Bayram, die für die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin sitzt. Sie hat gerade die Heimbewohner besucht. In Deutschland hoffte der Afghane auf Sicherheit und etwas Ruhe – jetzt ist er wieder auf der Flucht.

Auch in anderen Bundesländern sind die Unterkünfte voll

Seit Wochen schon hetzen Rechtsextreme gegen die Notunterkunft. Seit Montag nun beziehen die ersten Flüchtlinge die Räume in der früheren Max-Reinhardt-Oberschule. Seitdem ist die Lage angespannt. Bald sollen hier 200 Menschen vor allem aus Syrien und Afghanistan leben.

Nicht nur in Berlin sind die Unterkünfte für Flüchtlinge randvoll. Rund 6500 leben bereits in den Sammelstellen. Ähnliches ist aus Sachsen, Thüringen und Hamburg zu hören. Teilweise mussten dort schon Zelte für Flüchtlinge aufgestellt werden.

In Berlin liefern sich seit Tagen Befürworter und Gegner des Flüchtlingsheims verbale Schlachten. Anhänger der islamfeindlichen Bürgerbewegung Pro Deutschland tourten unter dem Motto „Nein zum Heim“ durch die Stadt und meldeten Kundgebungen an. Gegendemonstranten folgten ihnen.

Diskutiert wird auch in der Nachbarschaft des Heimes. „Man traut sich mit den Kindern nirgendwo mehr hin“, sagt eine Frau erregt. Sie fühle sich mittlerweile belästigt – auch von den Unterstützern der Flüchtlinge, die rund um die Uhr mit einer Mahnwache neben dem Heim ihre Solidarität bekunden wollen. Die meist jungen Leute reden eifrig auf die Frau ein und appellieren an das Mitgefühl. Viele Flüchtlinge hätten in der Heimat Schlimmes erlebt.

Anwohner fühlen sich zu Unrecht in rechte Ecke gedrängt

„Ich finde, es ist Populismus von allen Seiten“, meint ein Mann. Er sei im Stadtteil aufgewachsen und habe in den 1990er Jahren „Rechte ohne Ende“ erlebt. Hellersdorf hat nicht den besten Ruf. Ein Passant spricht von einem sozialen Brennpunkt, die Gegend sei für ein Flüchtlingsheim einfach ungeeignet. Viele Anwohner fühlen sich zu Unrecht in die rechte Ecke gedrängt.

Doch nicht alle lehnen die neuen Nachbarn ab. Cindy Laqua (29) und Omar El-Aouad (33) haben Spielsachen für die Kinder vorbeigebracht. Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) hat angekündigt, dass weitere Menschen in das Hellersdorfer Heim ziehen sollen, die Belegung werde nicht gestoppt. Laut Berliner Flüchtlingsrat haben bisher mindestens sechs Bewohner aus Furcht vor dem Geschehen draußen das Haus schon wieder verlassen.

Die Flüchtlinge seien unsicher und bräuchten ihre Privatsphäre, sagt Grünen-Politikerin Bayram. „Wie es weitergeht, werden die nächsten Tage entscheiden“, sagt Bayram.