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Manchmal wird stundenlang nur in Erinnerungen gekramt

VonLeonie MielkeBei der Pflege Demenz-kranker kommen Familien schnell an ihre Grenzen. Die Diakonie unterstützt Angehörige bei der Betreuung der ...

Ingeborg Friedrich und Elvira Kingel singen „Kuckuck, Kuckuck, ruft‘s aus dem Wald“.  FOTO: Ann-Katrin Kingel

VonLeonie Mielke

Bei der Pflege Demenz-
kranker kommen Familien schnell an ihre Grenzen. Die Diakonie unterstützt Angehörige bei der Betreuung der Patienten.

Prenzlau.Ob sie heute singen wolle, fragt Elvira Kingel Ingeburg Friedrich. „Oh, ja“, nickt diese, „gesungen habe ich immer gerne. Wissen Sie, damals, nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Bahnschranke. Die war ständig geschlossen. Ich habe das immer als Ausrede genutzt, wenn ich zu spät zum Konfirmandenunterricht kam.“ Elvira Kingel nickt und legt die Gesangsmappe auf den Tisch. „Wissen Sie“, fährt Ingeborg Friedrich fort, „ab der Oberschule bin ich immer mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Mein erstes Fahrrad habe ich erst spät…“ Elvira Kingel bremst sacht ihren Redefluss, weil sie doch singen wollen… „Ach, ja“, erinnert sich Ingeborg Friedrich. Elvira Kingel schlägt die Gesangsmappe auf, „Alle Vögel sind schon da“ steht auf der ersten Seite, und sie beginnt zu singen. Ingeborg Friedrich stimmt ein. Ihr Blick folgt nicht den Textzeilen, sie singt frei. Ihren Oberkörper wiegt sie im Klang des Liedes. Ingeborg Friedrich ist Jahrgang 1927 und leidet unter beginnender Demenz. Mehrmals im Monat kommt Elvira Kingel für ein paar Stunden zu ihr ins Haus. In ihr mehrstöckiges Geburtshaus mit dem kleinen Teich, den Seerosen und einem filigranen Pavillon im Garten. Elvira Kingel ist ehrenamtliche Helferin. Nachdem sie lange Zeit arbeitslos war, wollte sie wieder eine Tätigkeit haben und bewarb sich bei der Diakoniestation Prenzlau als ehrenamtliche Helferin.
GeschäftsführerinSilke Beustererklärt, dass die Diakonie das Projekt „Ehrenamtliche Helfer“ 2007 ins Leben gerufen hat. „Inzwischen betreuen sieben ehrenamtliche Helfer 40 bis 45 Patienten.“ Die Zahl variiert etwas, weil einige Patienten die Betreuung nur zeitweise in Anspruch nehmen. Betreuung bedeutet in diesem Fall aber nicht, die Patienten zu pflegen, sondern ihnen Gesellschaft zu leisten oder Familien zu entlasten.
Gesellschaft bekommen die Demenzkranken: Die Helfer bummeln mit ihnen über die LAGA, lesen aus der Zeitung vor oder hören zu.
Entlastet werden die Angehörigen der Demenzkranken: Diese kümmern sich oft rund um die Uhr, weiß Beuster. „Manchmal fangen sie unbewusst an zu klammern und vergessen darüber sich selbst.“ Die ehrenamtlichen Helfer schenken ihnen freie Zeit. Zeit, um mal wieder Sport zu machen, Freunde zu treffen oder zum Friseur zu gehen. Viele der Dementen und ihre Angehörigen seien am Anfang skeptisch. Es ist ja auch nicht leicht, eine fremde Person ins Haus zu lassen. „Aber bereits nach dem ersten Treffen“, so Beuster, „fragen sich die meisten, warum sie das nicht schon viel früher gemacht haben.“
Elvira Kingel erzählt, dass gleich das erste Treffen zwischen ihr und Ingeborg Friedrich sehr entspannt gewesen sei: „Frau Friedrich hat mich in den Arm genommen und gedrückt.“ Seit eineinhalb Jahren lösen sie nun zusammen Kreuzworträtsel, singen oder erzählen von dem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Elvira Kingel nennt das „Biografiearbeit“ – immer wieder mit den Patienten über Erlebnisse und Tätigkeiten aus der Jugend reden. Alle Synapsen in Schwung halten.
Und selbst wenn es mal Probleme geben sollte, stehen die Ehrenamtlichen nicht alleine da. Sie werden von einer Fachkraft für Demenz der Diakoniestation Prenzlau e.V. unterstützt und treffen sich regelmäßig mit den anderen Helfern. „Uns ist es wichtig, dass das Zwischenmenschliche stimmt“, erläutert Beuster, „denn die ehrenamtlichen Helfer werden in unserer Gesellschaft wirklich gebraucht.“

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