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Nun brausen nach Osten die Heere“

Erinnerungen an eine Kindheit in Ostpreußen während des Frühsommers 1941.

Unser Leser Walter Wiemer aus dem uckermärkischen Brüssow schrieb für ein Buch Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend auf. Dem 1931 im ostpreußischen Grieben, Kreis Ebenrode, Geborenen hat sich auch die Zeit um den 22. Juni 1941, den Tag des Überfalls Deutschlands auf Sowjetrussland, tief eingeprägt.Hier ein Auszug aus seinem Manuskript über die Ereignisse in seinem ostpreußischen Heimatdorf, das die Familie später verlassen musste.In der letzten Maiwoche 1941, nachdem die Artilleriekompanie weiter zur Grenze, dort wo der Ostwall entstanden war, verlegt worden war, zog eine größere Infanterieeinheit ins Dorf.

Die Soldaten setzten sich ausschließlich aus ostpreußischen Männern zusammen, die mit dem dörflichen Milieu schnell aufs engste vertraut waren. So gab es zu den Eltern viele Kontakte. Der Frühling war warm und staubig. Soldaten halfen bei der Torfgewinnung im Bruch und waren begeistert von der Art und Weise der Verarbeitung der Torferde zu Brennmaterial. Die täglichen Exerzierübungen auf dem Hof und im Gelände müssen den Soldaten aus dem Halse gehangen haben. Besonders „beliebt“ war Stabsfeldwebel Kositortz. Dummheit und Stolz hatten ihn fest im Griff. Mit dem Kompaniejournal in der Knopflochleiste der Uniform stand er breitbeinig auf dem Hof und schliff seine und des Führers Soldaten.

‹Soldaten-Schinderei

Mutter hatte ihn wiederholt gebeten, diese Schinderei zu unterlassen oder sich einen anderen Platz dafür zu suchen. Kositortz blieb hartnäckig. Zwar verließ er mit seiner Einheit den Hof, doch er wählte eine zurzeit nicht genutzte Viehkoppel, wo er noch mehr Freude für sich erheischen konnte. Seine Befehle gab er so, dass die Soldaten sich in die Kuhfladen werfen mussten. Die beschmutzten Soldaten schickte er dann zu Mutter, um ihr sein Werk zu zeigen. Ein Protest beim Kompanieführer führte schließlich zum Erfolg. Ein Soldat kam zu Mutter und flüsterte ihr zu: „Kommt es zum Krieg, die erste Kugel, die ich abfeuere, trifft den Kositortz.“In der Tat, am 24. Juni fiel Stabsfeldwebel Kositortz auf dem Marsch in Richtung Kowno (Kaunas). Seine Einheit verließ Grieben etwa am 10. Juni.

Nur für einige Tage nahm später eine SS-Polizeieinheit Grieben in Beschlag. Das war eine erste direkte Begegnung mit einer SS-Truppe – stattlich aussehenden großen Soldaten, die einen vortrefflichen Umgang unter-einander pflegten und über eine vortreffliche Ausrüstung an Geräten und Waffen verfügten. Die Offiziere waren unnahbar. In ihrer Zahnpflegestation, die auf einer leeren Scheunen-tenne ihren Platz hatte, wurde mir ein Zahn plombiert. Nach nur wenigen Tagen verließ auch diese Truppe das Dorf. Wohl am gleichen Tage traf eine motorisierte Artilleriekompanie als Ersatz dafür ein, sie war dann bis zum Abend des 21. Juni bei uns. Eine sonderbare Gereiztheit und Nervosität hatte um sich gegriffen. Die Meldungen im Rundfunk wurden von den Eltern und von den Soldaten aufmerksam verfolgt.

Abnormitäten waren nicht festzustellen, jedoch machte der die Einheit befehlende Hauptmann am 20. Juni zu Vater eine Bemerkung, aus der die Gewissheit sprach, dass in Kürze mit einem Krieg gegen Sowjetrussland zu rechnen sei.In den Abendstunden des 21. Juni musste Kurt zu allen Familien mit einem Zettel fahren, auf dem aufgefordert wurde, ab sofort und in den kommenden Tagen alle Fenster und Türen in Häusern und Ställen geöffnet zu halten, weil die Soldaten mit in der Nähe in Stellung gebrachten Geschützen ein Übungsschießen veranstalten. ‹

‹Richtung Grenze

Die kürzeste Nacht des Jahres senkte sich nur mit verminderter Dunkelheit über das Land, so dass die gegen 23 Uhr aufbrechende Kompanie mit ihren Geschützen hinter den Fahrzeugen ohne volles Licht an den Fahrzeugen das Dorf in Richtung Grenze verließ. Bei der Verabschiedung der Soldaten herrschte betretenes Schweigen. Zuvor war ihnen bei einer appellartigen Unterweisung auf einem Feldweg abseits des Dorfes der Befehl des Führers zum Beginn der Kampfhandlungen gegen den Bolschewismus verlesen worden. Gleißender Sonnenschein überflutete an dem Sonntagmorgen des 22. Juni 1941 das Land. Die Eltern hatten Kenntnis von den Vorgängen. Vater schaltete um 4 Uhr das Radio ein, da hatte bereits eine fürchterliche Kanonade, von der wir Kinder aufgeweckt wurden, den Krieg gegen die Sowjetunion über die Grenze getragen. Langrohrgeschütze mit einer beachtlichen Reichweite waren nur einige Kilometer vom Dorf in Stellung.

Die Abschüsse ließen in der Tat die Fensterscheiben zittern, deren Flügel nicht geöffnet worden waren. Die Motore der Jagdflugzeuge des nahen Feldflugplatzes dröhnten zu uns her-über, und schon am zeitigen Vormittag kam es zu einem Luftkampf über Stehlau, bei dem ein Flugzeug getroffen wurde, dessen Pilot sich mit dem Fallschirm retten konnte. Die Aufregung war unbeschreiblich, als sich herausstellte, dass sich zwei deutsche Jäger ein Luftgefecht geliefert hatten, bei dem ein Flugzeug brennend abschmierte. Erst in den späten Abendstunden löste sich das Rätsel, nachdem der Pilot in einem Roggenfeld gefunden wurde. Er war der Auffassung, ihn hätte das Unglück hinter der Front auf sowjetischer Seite ereilt.

Die Stimmung, die an diesem Sonntag die Menschen erfasst hatte, ist schwer in Worte zu fassen. Die Sondermeldungen, die über den Rundfunk verbreitet wurden, flößten allerdings den Hörern Siegeszuversicht ein. Von einem „Blitzkrie“ der höchstens sechs Wochen dauere, sprach Hitler noch am gleichen Tage.Am Ende einer jeden Sondermeldung erscholl die Siegeshymne des Ostfeldzuges:„Nun brausen nach Osten die Heere ins russische Land hinein,Kameraden an die Gewehre, der Sieg wird unser sein.Von Finnland bis zum Schwarzen Meer, vorwärts, vorwärtsnach Osten du stürmend Heer, Freiheit das Ziel, Sieg das Panier.Führer befiehl, wir folgen dir.“Schon einen Tag später war in unserer Gegend der Kriegslärm nur noch als lautes Motorengeräusch vom nahe gelegenen Flugplatz wahrzunehmen.

Der Einbruch in die spärlichen Grenzsicherungen der sowjetischen Seite hatte in der Gegend unserer Verwandten am Grenzfluss Lepone bei Eydhkau gar keine Kampfhandlungen ausgelöst. Erst nach etwa 15 km hinter der Grenze sei es zum ersten Schusswechsel gekommen. So lauteten Augenzeugenberichte. Mit dem Abzug der Artilleriekompanie in den Stunden vor dem Überfall endete eine recht lange Phase fast ununterbrochener Kontakte mit Soldaten in der ganzen Umgebung. Selbst die zum Feldflugplatz in Blumenfeld gehörenden Angehörigen, die vor allem an Sonntagen zu den Bauern kamen, um Eier und guten Landschinken zu kaufen oder besser gesagt, zu erbitten, blieben aus, weil die Flugzeuge schon wenige Tage nach dem Überfall auf einen Platz frontwärts verlegt wurden. Onkel Hans Grigat konnte den Klee vom Flugplatzgelände wieder für sein Vieh abmähen.‹

‹Alles „ganz normal

“Der Frühsommer 1941 brachte gutes Wetter. Vater sprach von ausgezeichnetem Kriegswetter für unsere Soldaten. „Da wird Moskau gewiss in sechs Wochen erreicht, vielleicht kapituliert der Bolschewist auch noch eher.“ Die Arbeiten in allen Bereichen der Wirtschaft nahmen wieder ganz normale Formen an. Die Zeit bis zum Beginn der Rübsenernte verfloss mit Erntevorbereitungen. Die deutschen Männer im wehrfähigen Alter bewegten sich mit dem Lindwurm Heer in rasendem Tempo ostwärts. Böttcher, unser Schweizer, und Willi Fink, er galt 1941 noch als nicht kv (kriegsverwendungsfähig), waren auf dem Hof. Bruder Karl hatte mit der Lehre begonnen. Schon fast ein Jahr war auch Moritz, der französische Kriegsgefangene, bei uns, und der Litauer Kasimir Jablonskis vervollständigte die Gruppe auf dem Hof. So mangelte es wahrlich in diesem Sommer nicht an Arbeitskräften. Bedingungen, die zu Friedenszeiten nicht hätten besser sein können.