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Sie lebten ein Jahr in der Wildnis

Es gibt Menschen, für die ist schon der zeitweilige Verzicht aufs Handy undenkbar. Ein Alltag ohne die Bequemlichkeiten des modernen Lebens käme für sie nicht in Frage. Und dann gibt es solche wie Elke Eisermann, die bewusst der Zivilisation entfliehen.

In dieser einfachen Behausung verbrachten Baldur und Elke Eisermann viele Monate.
Privat In dieser einfachen Behausung verbrachten Baldur und Elke Eisermann viele Monate.

Elke Eisermann, Jahrgang 1967, Mutter eines Sohnes (11), Abenteurerin  und Wilderness Guide. Kurz und bündig bringt die neue Dozentin der Volkshochschule Uckermark auf den Punkt, was ihre Person ausmacht. „Aufgewachsen zwischen windgebeugten Krüppelkiefern in einem kleinen Dörfchen am Bodden begeisterte mich schon als Kind das Draußen-Leben. Die stolzen Prärieindianer mit ihren langen Federschleppen und schnellen Mustangs waren die Helden meiner Kindheit. Nach einigen beruflichen Umwegen und wilden Jahren in Berlin verschlug es mich in den Südosten Deutschlands, nach Passau. Zum Studieren der Kulturwirtschaft angereist fand ich es viel spannender, die dortigen Wiesen und Wälder zu durchstreifen, was unweigerlich zu einem baldigen Studienabbruch führte.“ In Folge dessen nahm sie sich Zeit für Reisezeit. „Ich tanzte auf PowWows-Festivals in Deutschland und fuhr nach Genf zur Konferenz der Indigenen Völker – wo ich den Helden meiner Kindheit ohne Federschleppe und Mustang, dafür ganz menschlich – begegnen durfte und entschied mich Hebamme zu werden.“

Nach 18 Monaten Bewerbungsmarathon in ganz Deutschland war es im April 2001 endlich soweit, sie durfte in Freiburg die Hebammenschule besuchen. „Die Arbeit im Kreißsaal hat mich so inspiriert, dass ich direkt einen Selbsterfahrungskurs im Mutterwerden belegte und 2003 meinen Sohn Baldur Amery zu Hause zur Welt brachte.“ Doch auch als Mutter wollte sie reisen. Elke Eisermann kaufte sich einen alten VW-Bus, packte ihr Baby ein und weiter ging es auf zahlreiche Outdoor-Treffen in ganz Europa.

Im Winter 2007 war das Fernweh dann so groß, dass sie mit Baldur zusammen das erste Mal eine Fernreise machte. Viereinhalb Monate Südostasien standen auf dem Programm. Zurück in Deutschland begann sie als freiberufliche Hebamme zu arbeiten. Nahezu täglich erkundete sie die Umgebung ihres direkt am grünen Band gelegenen Wohnortes Jeebel. Die gefundenen Kräuterschätze verwandelte die heute 48-Jährige in Öle, Tinkturen, Liköre, Marmeladen, Räuchermischungen, Tees und Wildkräutergerichte.

Sie wollte warten, bis der Sohn alt genug ist

Im Winter 2009 hörte sie das erste Mal von der Möglichkeit einer Ausbildung zur Wildnispädagogin und begann selbige in Hannover. „Dort hörte ich immer wieder von Menschen, die für ein Jahr in der nordamerikanischen Wildnis lebten. Das wollte ich auch. Das Programm war aber nur für Erwachsene. Also hieß es warten, bis mein Sohn alt genug sein würde, ein Austauschjahr in den USA zu machen, während seine Mama sich in der Wildnis herumtreibt.“

Doch wie so oft durchkreuzte auch hier das Leben ihre Pläne. Im Sommer 2011 erfuhr sie, dass es demnächst ein „Family Year Long“ geben würde. „Die Bewerbung war schnell geschrieben, wir wurden angenommen und lebten bis Januar 2013 mit 42 anderen Menschen in der nordamerikanischen Wildnis. Unsere weitere Reise führte uns nach Hawai, wo wir inmitten eines Dschungelgartens lebend uns langsam wieder an das Leben in der Zivilisation gewöhnten.“ Und genau dort sind die beiden mittlerweile wieder angekommen - im kalten, deutschen Alltag.

Elke Eisermann hat das Wildnisoutfit wieder gegen die hiesige Alltagskluft getauscht, ihr Sohn ist von Lederschurz und Mokassins auf Jeans und Boots umgestiegen. Ihr Alltag verläuft momentan denkbar unspektakulär. Der Junge besucht mit seinen Altersgenossen regulär die Schule, während Mama für ihre Outdoor-Kurse wirbt. Einige davon werden Ende Februar nun auch in Prenzlau starten.

Ihre Träume sollten sich in Geschichten verwandeln

„Wenn ich mir vorstelle, dass ich als 90-jährige Großmutter im Schaukelstuhl sitze und den Kindern Geschichten erzähle, dann möchte ich gerne Geschichten erzählen, die ich selbst erlebt habe…“, bringt sie ihre schier unbezähmbare Unternehmungslust auf den Punkt. „Blicke ich dann auf mein Leben zurück, wünsche ich mir, dass die Träume, die ich heute träume, sich in gelebte Geschichte(n) verwandelt haben…“

Die von ihr geführten Wildnis-Seminare und Camps sind offene Türen, die die Menschen animieren sollen, neue Räume zu betreten und im Kontakt mit der Natur sich selbst besser kennenzulernen. „Ich will niemanden missionieren“, versichert die sympathische Dozentin. Das Hardcore-Outdoor, wie sie es bevorzuge, sei sicher auch nicht jedermanns Ding. Aber im Kleinen sollte man sich durchaus einmal ausprobieren, macht sie Mut. Interessenten können entweder einen ihrer Kurse an der Volkshochschule Uckermark belegen oder aber sich in ihr Wildnisdorf wagen.

Mitten in der „Wildnis“ der Mecklenburger Seenplatte an der Kolbatzer Mühle entsteht einmal im Monat ein Wildnisdorf. Es lädt  ein zum Feiern der Jahreskreisfeste, zu Austausch und Begegnung. Ob Familie oder Single, jung oder alt, gänzlich unerfahren oder schon seit Jahren im Wald unterwegs, jeder ist willkommen und kann seine persönliche Gabe einbringen.

„Ob alleine, mit Partner, Freunden, als Familie mit Kindern, Neuling oder alter Hase, jeder ist hier willkommen und findet seinen persönlichen Platz in der wilden Gemeinschaft.“

Jedes Wochenende ist eine in sich abgeschlossene Einheit und kann einzeln besucht werden. Niemand braucht Vorkenntnisse. Innerhalb der wilden Dorfgemeinschaft gibt es viel Gestaltungsfreiraum für die gemeinsame Zeit. Ob Erkundungen im Wald, Schnüre drehen, Feuer machen, Schalen brennen, Spuren lesen, den Vögeln lauschen, wilde Kräuter sammeln, angeln, baden, mit dem Kanu über den See fahren oder einfach nur am Feuer sitzen und den Geschichten lauschen – hier ist Zeit und Raum dafür.

Das Essen ist, soweit verfügbar, wildfleischig  und biologisch. „Wir kochen gemeinsam am offenen Feuer. Übernachtung ist im eigenen Zelt, in der Laubhütte oder gänzlich unterm Sternenhimmel möglich.“

Der nächste Workshop, der dem Frühling gewidmet ist, findet vom 20. bis 22. März statt.