Verdächtige Fenster-Deko:

Sieht die Polizei überall Drogen?

Beim Vorbeifahren sehen Polizisten eine verdächtige Pflanze im Fenster und durchsuchen die Wohnung einer Familie. Die wirft den Beamten nun vor, eine harmlose Zimmerpflanze mit Cannabis verwechselt zu haben.

Nicole Klenner zeigt das Balkonfenster, hinter dem die Polizei die riesige Cannabispflanze gesehen haben will.
Claudia Marsal Nicole Klenner zeigt das Balkonfenster, hinter dem die Polizei die riesige Cannabispflanze gesehen haben will.

Nicole Klenner sieht übernächtigt aus, als sie am Dienstagvormittag dem Uckermark Kurier die Tür öffnet. Dass ihre Familie seit dem Morgen Dorfgespräch ist, weiß die junge Frau zu diesem Zeitpunkt noch nicht. . Erst durch die Reporterin des Uckermark Kurier erfährt die 36-Jährige von dem Zeitungsbericht über einen Polizeieinsatz, bei dem in ihrem Haus eine riesige Cannabispflanze zutage gefördert worden sein soll.

Tags zuvor hatte die Pressestelle der Direktion Ost die Medien darüber informiert, dass  bei einer Durchsuchung mit Spürhund eben dieser Fund gemacht wurde. Mit einer Größe von geschätzt knapp zwei Metern hatte das Gewächs laut Polizeibericht den Argwohn der Beamten geweckt. Nach Absprache mit der zuständigen Staatsanwaltschaft begaben sie sich, so die Pressemitteilung, in das Haus, „wo der Besitzer der Immobilie nach anfänglichem Sträuben eine 180 Zentimeter große Cannabispflanze herausgeben musste, die er zuvor noch durch Unterstellen im Badezimmer den Blicken der Polizisten hatte entziehen wollen.“

"Fikus, kein Hanf"

Nicole Klenner schüttelt, konfrontiert mit dieser Darstellung, empört den Kopf. Sie bestätigte zwar den nachmittäglichen Einsatz, doch gefunden hätten die Beamten nichts Relevantes, hielt sie der Version der Polizei entgegen.

"Das war ein Fikus, kein Hanf“, beteuert sie.

Die Pressestelle räumte daraufhin auf nochmalige Nachfrage ein, dass man keine komplette Pflanze konfisziert habe, sondern nur einen Topf und ein paar nasse Blätter – diese seien ein Indiz dafür, dass der Besitzer versucht habe, die zerkleinerte Pflanze in der Toilette herunterzuspülen. Nach dem Trocknen, so Sprecher Reich, sollen die Überbleibsel auf ihren THC-Gehalt (Drogenwirkstoff) untersucht werden.

Die Polizei bleibt bei ihrer Darstellung des Einsatzes. Man habe Rauschmittel gefunden und werde den Familienvater dafür vor den Kadi bringen, hieß es. Der Wittstocker werde wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz angezeigt.

Nicole Klenner ist darüber total entsetzt: „Wir haben fünf, zum Teil noch sehr kleine Kinder im Haus. Denken Sie, da stellen wir Drogen freizugänglich in den Raum?“

Im Dorf selbst wollte man gestern kein Urteil über Schuld oder Unschuld fällen. Die meisten Befragten äußerten sich skeptisch zu dem Verdacht, dass die Familie etwas mit Drogen zu tun habe. So eine Beschuldigung sei schnell in den Raum gestellt und leider präge Missgunst zunehmend das dörfliche Leben. „Da scheißt doch jeder jeden an“, war hinter vorgehaltener Hand zu hören.

Sylvia Klingbeil, Bürgermeisterin der Großgemeinde Nordwestuckermark, versicherte, bislang keine Kenntnis gehabt zu haben, „dass aus Wittstock jemand wegen Drogen auffällig geworden ist.“ Von dem Vorfall habe auch sie nur aus der Zeitung erfahren.

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Kommentare (1)

Tja, sowas kann schon mal passieren. Eine Pflanze ist halt eine Pflanze. Ich frag mich nur wieder was solch ein Polizeieinsatz mich (den Steuerzahler) kostet. Der Erfolg des heiss diskutierten Cannabisverbotes ist es ja, dass 5 - 10% der am Markt befindlichen Drogen beschlagnahmt werden. 90 - 95% stehen dem Schwarzmarkt weiterhin unkontrolliert zur Verfügung. Es gibt auch noch die Signalwirkung die das Gesetzt hat...wie wirksam ist die eigentlich? Und was ist der Preis dafür?